Seit 2012 gibt es im Reiseblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Reihe ›Kann ich mal Ihre Wohnung sehen?‹, mit Fotografien und Stories, die von meinen neugierigen Besuchen bei Menschen in aller Welt erzählen.
Alle zwei, drei Monate gibt es einen neuen Beitrag.

 

LeseprobeN

18. Juni 2026 – La Isleta bei Las Palmas, Gran Canaria

Ich bin lieber hier!: Zu Besuch bei einem alten Kapitän und seiner jungen Freundin auf Gran Canaria

Am Rande von Las Palmas liegt La Isleta – eine karge Halbinsel aus rostbraunem Lavagestein, umbrandet vom Atlantik. Einen üblen Slum soll es hier gegeben haben, in den selbst die Polizei sich nicht hineingetraut habe. Jetzt gibt es keine Spur mehr von Wellblechhütten, Kampfhunden und Schnellbooten in dem vulkanischen Naturschutzgebiet. Dafür eine Radaranlage auf der Kuppe und drei knochige Katzen, ausgestreckt im Geröll. Kein Baum, kein Strauch, keine Menschen. Schon lange laufe ich unter der stechenden Sonne. Der Wind schlägt mir die Haare ins Gesicht, die Ohren sind voll vom Rauschen und Krachen der Wellen. Hinter dem Meereshorizont liegt Afrika.

Mit Zivilisation rechne ich eigentlich nicht mehr. Aber dann reckt sich aus einer kleinen Insel eine provisorische Behausung: ein von Gerümpel umgebener Steinbau mit Flaggen, die vom Sturm zerfetzt sind. Beim Näherkommen erkenne ich festgezurrte Matratzen, eingestaubte Sonnenschirme, bemalte Bojen, halbe Kinderfahrräder, Totenkopfsymbole. Einladend wirkt das nicht. Der Weg dorthin führt über wasserumspülte Felsen; mit etwas Mut lassen sie sich überspringen. Einmal drüben, klettere ich hinauf, fast ohne die Hände zu benutzen. In einer Mauerecke sitzt eine Frau mit wasserstoffblondem Haar in Büstenhalter und Minirock auf einem Campingstuhl und schaut reglos über das Meer. Als sich unsere Blicke treffen, schaue ich in ein verweintes Gesicht. „Tiene un poco de agua?“Die Bitte um Wasser scheint eine gute Ausrede für meinen ungebetenen Besuch. Die Frau nuschelt und zeigt in die Richtung, in der zwischen Öltonnen und Fischernetzen schwarze Hühner laufen und eine Männerunterhose an einer Leine baumelt. Ich gehe um das niedrige Anwesen herum, dessen Schießscharten auf einen militärischen Ursprung hinweisen. Das Flickwerk aus Polstern, Lumpen und Hasendraht lässt mich jedoch an einen notdürftig bandagierten Riesenschädel denken. Hinter dem Schild mit der Aufschrift „Palomas y Gallinas“ – Tauben und Hühner – erreiche ich eine Terrasse mit Feuerstelle, Kühltruhen und einem halb blinden Bullenbeißer an der Kette. Unter einem schattenspendenden Tarnnetz sitzt ein zähes Männlein im Büro-Drehstuhl – breitbeinig, wettergegerbt, mit weißem Spitzbart. Am Gürtel seiner Shorts baumelt eine lange Pistole. Seine Augen blitzen eher neugierig als gefährlich. Höflich bitte ich um Wasser. Er füllt einen Plastikbecher aus dem Kanister. Ich trinke ihn in einem Zug aus. Belustigt füllt er nach und bietet mir einen Klappstuhl an. Wir kommen ins Gespräch. Sein Name sei El Capitan, so wie es handgemalt auf einer rostigen Eisenplatte hinter ihm steht. Sein Leben lang sei er zur See gefahren – bis die Regierung ihn hier als Wachmann einsetzte. Er zeigt auf seine Waffe. Wenn nachts Boote kommen, meldet er sie. Früher waren es oft Boote mit Drogen oder Flüchtlingen. Heute ist es ruhiger geworden. Er ist gern allein. „Allein mit Ihrer Frau?“ Ich deute mit dem Kopf in die Richtung, aus der ich kam. „Frau? Sie meinen die Blonde?“ Er rundet die Arme wie um ein Fass, um ihre Fülligkeit anzudeuten. Das sei Loli, eine Freundin. Er erlaube ihr, ihn manchmal zu besuchen. Jetzt hätten sie sich gestritten. Ich frage, warum. „Ich will meine Ruhe haben.“ Plötzlich steht Loli da, in der Sonne, und guckt. Der Kapitän ignoriert sie, also stehe ich auf und biete ihr den Klappstuhl an. Sie schüttelt den Kopf, aber lächelt. Ein Lächeln ohne Schneidezähne. „Ich habe Wasser bekommen“, sage ich zu ihr. Der Capitán bemerkt säuerlich, er habe auch Wein. Dann verschwindet er im Haus. Loli setzt sich zu mir. Ich spüre ihre Enttäuschung. Ihre hellen, ebenmäßigen Züge sind eigentlich schön, nur minimal verschoben durch die fehlenden Zähne. Sie ist jung. 20 Jahre liegen sicher zwischen den beiden. „Worüber habt ihr gestritten?“ „Egal.“ Sie winkt ab. „Er ist okay.“ Eine Weile sitzen wir nur so da, hören der Brandung zu, dem gleichmäßigen krachenden Tosen. „Bist du oft hier?“ Sie nickt. Eigentlich lebe sie in Jinámar, am Stadtrand. Da, wo die Hochhäuser stehen. Dort wohnen auch ihre Kinder. „Aber mir gefällt es da nicht. Ich bin lieber hier. Hier ist Freiheit. Es erinnert mich an früher, als das alte ‚Confital‘ noch stand.“ El „Confital“ – das Konfekt. Süßer Name für einen Slum. „War das nicht gefährlich?“ „Mein Vater hat dort gewohnt. Es war gefährlich, aber auch schön.“ Ich will fragen, ob ihr Vater noch lebe. Und wo all die Leute aus dem Viertel jetzt seien. „Wie alt sind deine Kinder?“, frage ich stattdessen. Lolis Gesicht wird hart. „Die Elfjährige lehnt sich auch schon gegen mich auf“, murmelt sie und starrt übers Meer. „Ein Haus in dieser Lage“, wechsele ich das Thema. „Ich schaue mir oft Wohnungen an. Egal wo ich bin. Ich will immer wissen, wie Leute leben.“ „Willst du mit reinkommen? Es ist gemütlich.“ Mit eingezogenem Kopf folge ich Loli ins Innere wie in eine Höhle. Der Boden des engen Ganges ist mit Kunstrasen ausgelegt, die rohen Wände hängen voller Werkzeug, Kleidung, Kabeln, witzigen Schildern. Wuchernd und griffbereit zugleich. Es riecht frischer, als man bei der Enge erwarten könnte; durch die Schießscharten dringt Luft. Weiter innen plärrt ein Radio. Wir treten in ein niedriges Zimmer mit Doppelbett und großem Durcheinander, beleuchtet von einer schief hängenden Neonröhre. Mittendrin der Capitán, immer noch mit der Pistole am Gürtel. Er lacht. „Wer ist das?“ Ich deute auf das riesige Männergesicht auf der Wolldecke. Mir wird ein Name genannt; es handele sich um einen weltberühmten Sänger hier aus der Gegend. Er habe über El Confital gesungen. „Ich habe ihm die Decke geschenkt“, sagt Loli. Der Capitán nickt wohlwollend, greift nach einer mit chinesischen Schriftzeichen tätowierten Gitarre und stellt sich in Pose. Er wartet, bis Loli und ich bereit sind, dann schlägt er die Hand über die Saiten. Ein schrill dissonanter Akkord füllt den Raum. Er wartet einen Moment; dann lächelt er wie ein Junge, der zum ersten Mal in den Schnee gepinkelt hat. Noch zweimal wiederholt er sein wüstes Klangexperiment. Schließlich beginnt er zu singen; unverständliche Worte ohne jede Melodie. Loli sitzt auf der Bettkante und schenkt ihm ihre Bewunderung. Meine Anwesenheit scheint sie vergessen zu haben, genauso wie der Capitán, der nur noch für seine Freundin singt. Krächzend und voller Inbrunst.

19. Februar 2026 – Mancor de la Val, Mallorca

Ein halbes Käsebrot vom Meister: Mit der Schuhproduktion fest auf dem boden, mit dem Kopf in einer linken Revolution

Ich wollte wandern. Auf Mallorca. Ohne Plan. So fuhr ich von der Küste nach oben, in die Berge, durch kleine Dörfer, dem Wald entgegen. An einer schmalen, sternförmigen Straßenkreuzung parkte ich in der Nähe eines alten Hauses, das aussah wie ein mächtiger, in die Höhe gezogener Würfel mit vielen Fenstern zwischen grünen Fensterläden. Als ich aus dem Auto stieg und die frische Bergluft einatmete, vergaß ich das Wandern und ging um das Haus herum, zum Eingang. Auch die zweiflügelige Holztür, über der ein muschelförmiges Wappen aus Sandstein prangte, konnte mit Fensterläden geschlossen werden.

Die Tür stand einen Spalt weit offen. Im Vestibül lehnte ein Besen an der halbhoch gekachelten Wand. Dasselbe grünblaue Art-déco-Muster wie in meiner eigenen Wohnung. Beim Eintreten hielt ich vorsichtig Ausschau, ob da jemand sei, dem ich sogleich von der Koinzidenz mit den Kacheln erzählen würde. Womöglich war derselbe Architekt am Werk gewesen? Sicher zu ähnlicher Zeit, nicht lange nach dem Ersten Weltkrieg. Die innere Tür ließ sich öffnen. In dem langen, breiten Flur spiegelte sich in polierten Fliesen das Licht des Fensters am Ende, wo ein gestreifter Sessel stand. Zu beiden Seiten gingen Türen ab, dazwischen hing ein Steinbecken mit einer Vorrichtung zum Herunterlassen eines Zinnkrugs. Der Aufgang zur Treppe war mit grobem Stoff verhüllt. Links beim Eingang war ein kraushaariger Mann mit einer handwerklichen Sache zugange. Als er mich sah, nickte er und meinte bloß, der Meister sei oben. Das nahm ich als eine Einladung, auf eigene Faust durchs Haus zu wandern. Noch stand ich im Flur, der hochglänzend wie ein schmales Schwimmbecken vor mir lag. Der Mann aus dem Werkraum reichte mir ein paar Espadrilles. Nicht neu, aber auch nicht ausgelatscht. Ich wechselte sie gegen meine Schuhe. Nun quasi offiziell, streifte ich durch die erste Etage. Eine aufgeräumte Wohnküche, Flügeltüren, Schlafzimmer mit Pfostenbetten und Quilts, ein modernes Bad. An manchen Wänden erinnerten fein gemusterte und leicht vergilbte Tapeten an Fernsehfilme, die in den Vorkriegsjahren spielen. An den weißen Wänden hing Kunst. Ein Exponat pro Wand, also viel Raum für Wirkung, zumal bei der Fotografie eines Atompilzes oder einer amorphen Blasenform mit Sergeant-Pepper-Farbgebung. Das war auf dem Weg nach oben, über die Treppen mit einem abgeblätterten grünen Ölsockel. In der zweiten Etage gab es weitere, karg gehaltene Schlafgemächer, zudem ein gemütliches Arbeitszimmer mit überfülltem Schreibtisch, persönlichen Gegenständen und aufgeschlagenen Magazinen rund um ein paar Loungesessel. Bald stieg ich hinauf in die oberste Etage. Ein Warteraum mit Obstkisten. Und zum ersten Mal eine geschlossene Tür. Noch im Hinunterdrücken der Klinke kam mir der Gedanke, dass ich hätte anklopfen können. Aber da stand ich bereits in dem hohen Raum, der sich hell und weit über die gesamte Länge des Hauses erstreckte, mit bodentiefen Atelierfenstern zu einem sagenhaften Ausblick über Berge und Täler bis tief in die Inselmitte hinein. An einem langen Tisch mit Rattanstühlen saß ein Mann, der wohl der Meister war, kahlköpfig, mit schwarzer Brille. Zunächst noch konzentriert auf die vor ihm liegenden Gegenstände, erhob er sich dann und begrüßte mich strahlend auf Hochdeutsch. Er entwickele gerade eine Vorrichtung, um Lichtkegel auf Kunst zu richten, erklärte er. Dazu befestigte er abgeschnittene Abflussrohre an Deckenstrahlern. Zufällig hätten sie denselben Durchmesser und passten genau ineinander. Gleich würde ich mich erklären müssen, dachte ich. Aber er gab mir erst mal die Hälfte seines Käsebrots. Gouda aus Rohmilch. Dann erst gerieten wir ins Plaudern. Erst redeten wir über die altmodische Landkarte über dem roten Sofa, die einen erfundenen Kontinent in Form eines Schaukelpferds zeigte. Dann über Wabi-Sabi, die japanische Philosophie des sichtbaren Alterungsprozesses. Entgegen der Empfehlung der Handwerker habe er keinen Spritzschutz hinter der Küchenzeile angebracht, nannte er gleich ein Beispiel aus seinem Haus. Abendessen mit Freunden dürften ruhig ihre Spuren hinterlassen. Spuren seien wichtig. Sie zeigen Entwicklung. Aus ebendiesem Grunde habe er auch viele der Tapeten erhalten und nur an einer Stelle geöffnet. Da sei ein Artikel über Militärtechnik und U-Boote zum Vorschein gekommen. Auch das originale Mobiliar hätte er gern behalten, aber nach vierzig Jahren Leerstand war es vollkommen von Holzwurm zerfressen – vor allem der fast raumlange Werktisch, auf dem Espadrilles gefertigt wurden. Hier war nämlich mal eine Schuhfabrik. Die Restbestände dienten ihm und seinen Gästen heute als Hausschuhe. Sehr bequem übrigens, sagte ich und machte ein paar Schritte durch den Raum. Gemeinsam schauten wir aus den Fenstern über die hügelige, von Dörfern und Landwirtschaft geprägte Gegend am Fuße der Tramuntana. Er zeigte auf den zweithöchsten Berg der Insel, auf das Kloster Lluc und einige karge Erhebungen, in denen das Espartogras wachse, aus dem die Sohlen der Espadrilles – katalanisch Espardenyes – gefertigt wurden. Ich fragte, ob das Haus schon immer eine Schuhfabrik war. Ursprünglich hatte es ein Militär aus Barcelona für sich und seine Familie gebaut, wegen Spielschulden aber bald wieder verkaufen müssen – an eine Industriellenfamilie hier aus der Gegend. Das ist lange her. Die Familie sei republikanisch gewesen, politisch eher links, und nachdem die Tochter die Schuhfabrik gegründet hatte, versteckte sich der Sohn während des Bürgerkriegs zwei Jahre lang im Keller des Hauses, wo er Flugblätter produzierte. Dann wurde er von Franco-Treuen entdeckt und auf dem Friedhof erschossen. Er war einer von drei Dorfbewohnern, die zu der Zeit ermordet wurden. Insgesamt seien die Mallorquiner eher rechts gewesen, sodass es hier nie zum offenen Kampf kam wie auf dem Festland. Mir fielen diese Begriffe auf, links und rechts, von denen heute oft gesagt wird, sie seien nicht mehr zutreffend. Wir sprachen über den weltweit aufblühenden Faschismus. Über Amerika. Russland. Grönland. Mallorca. Die Insel erscheint relativ sicher. Weit im Westen, strategisch nicht besonders interessant. Wieder draußen, vergaß ich das Wandern. Ich dachte an den Drucker, der zwei Jahre im Keller verbrachte. An die Antifaschisten hier im Dorf, die sich gewehrt hatten. Und an die Menschen, die sich heute wehren. Im Iran. In Amerika. In der Ukraine. Wer verzweifelt ist, entwickelt Mut. Wem es gut geht, der schützt sich. Mir geht es gut. Noch. Langsam fuhr ich zurück ins Tal. Schon bald kam mir der Besuch in dem Haus mit den grünen Fensterläden vor wie ein Traum. Aber da waren ja noch die Grasschuhe an meinen Füßen. Ich hatte vergessen, sie wieder abzugeben.

18. Dezember 2025 – Brooklyn

Irgendjemandem gleicht jeder: Von Psychologen, Künstlern und Agenten​

Es war ein Vormittag, und ich saß mit Kaffee und Computer bei Joe's. Schräg gegenüber las eine ältere Frau in einem dicken Buch. Ihr glattes, grau-schwarzes Haar umrahmte das ungeschminkte, schmale Gesicht, das mich an jemanden erinnerte, den ich bewunderte. Aber ich kam nicht darauf, an wen. Seit ich mich an den Tisch gesetzt hatte, schaute die Frau immer wieder neugierig von ihrem Buch auf, in meine Richtung. Sie wirkte auf überspannte Weise kostbar, wie eine Tänzerin, und ihre buschigen Brauen über den hellen Augen hoben die Feinheit ihrer Züge noch hervor. Ich merkte, dass sie ein Gespräch beginnen wollte. Dann fiel mir ein, dass sich ältere Frauen, die auf Frauen stehen, mitunter Chancen bei mir ausrechnen.

Aber da ich ebenfalls neugierig war - auch auf das Buch, das sie las - und es mich fuchste, dass mir nicht einfiel, an wen sie mich erinnerte, schaute auch ich immer wieder auf. Sie deutete es wohl als Ermutigung, da ihr Lächeln nun etwas Spielerisches bekam und bei ihren immer kürzeren Blicken ins Buch kaum mehr schwand. Schließlich ließ ich mich auf eine Unterhaltung ein. Ich sagte, dass ich um die Ecke im Büro arbeite und nur für einen Tapetenwechsel zum Arbeiten heruntergekommen war und gleich wieder hochgehen werde. Sie zeigte mir das Cover ihres Buches: „Psychoanalysis. Sigmund Freud". Am Nachmittag halte sie einen Vortrag bei der chinesisch-amerikanischen Gesellschaft für Psychoanalyse. Ich fand das einen verrückten Zufall, denn just an diesem Nachmittag wollte ich in Brooklyn die Wohnung eines Psychoanalytikers fotografieren. ,,Ich liebe Freud", sagte sie. ,,Viele mögen ihn nicht, aber seine Schriften sind toll." Ich fragte, seit wann sie in dem Feld praktiziere, und sie antwortete, erst seit acht Jahren. Eigentlich sei sie Pianistin. Dann fragte sie, ob ich jüdisch sei. Ich verneinte. ,,Ah, sonst hätte ich ,Schana Tova' gesagt", lachte sie. Ich lachte mit, als wüsste ich Bescheid. Am Nachmittag stieg ich an der DeKalb Avenue aus der Subway. Vier junge Männer in schwarzen Anzügen, weißen Hemden und schwarzen Hüten schlenderten über den breiten Bürgersteig, und im Vorübergehen fragte mich einer: ,,Sind Sie jüdisch?" Als ich verneinte, wünschte er mir noch einen tollen Tag. Ich fragte die KI, ob ein hebräischer Feiertag sei, und erfuhr, es sei Rosch haSchana, das jüdische Neujahrsfest, an dem man sich Schana Tova wünscht: ein gutes Neues Jahr. Das Klischee will, dass New Yorker Psychoanalytiker jüdisch sind, und so war ich mir fast sicher, dass es auch auf den, dessen Wohnung ich gleich fotografieren wollte, zutreffen würde. Aber als ich ihn fragte, ob er jüdisch sei, verneinte er. ,,Ah, sonst hätte ich ,Schana Tova' gesagt!", sagte ich, und es kam mir vor, als hätte ich dabei denselben Tonfall und ein ähnliches Lächeln wie meine Bekanntschaft vom Vormittag aus dem Cafe. Er sagte, viele seiner Patienten seien jüdisch. Ich fotografierte seinen gemütlichen Praxisraum mit den vielen Büchern , den Breuer-Stahlrohrsesseln und der Couch, auf der ein Kelim lag und bis auf den Boden hinabhing - wie bei Freud. Sofort wünschte ich mir, mich dort hinzulegen mit dem Kopf auf den festen, dunkelblauen Kissen, und zu erzählen. Stattdessen probierte ich Perspektiven aus und fotografierte den Raum aus verschiedenen Richtungen. Der Analytiker trat jeweils aus dem Bild, er sollte ja nicht mit auf den Bildern sein, es ging um das Interieur. Schließlich knipste ich ihn aber doch noch, wie er am Schreibtisch saß und konzentriert in den Computer schaute. Auf dem Foto sah er aus wie ein FBI Agent. Ich sagte es ihm. Und er wollte wissen, aus welchem Thriller, aber ich erinnerte mich weder an einen Titel noch an eine Handlung. Irgendwie kamen wir darauf, wer wem ähnlich sieht. Ihm sei früher oft gesagt worden, er sehe Jack Nicholson ähnlich, und er habe das nie verstehen können. ,,Als ich Jack Nicholson dann kennenlernte, schenkte er mir seine Brille, weil er es witzig fand, dass wir uns so ähnlich sahen." Die schwarze Ray Ban lag im Buchregal, zusammen mit einigen kleinen, mythisch aufgeladenen Figuren, wie man sie sich vorstellt im Regal eines Psychoanalytikers: dickbauchige Tiere, Marmoreier, eine offene Hand mit Auge. Bei näherem Hinsehen waren wohl auch Erinnerungsstücke darunter. Zwei Porzellanhäschen. Eine bemalte Streichholzschachtel als Miniboxring. An der Wand hingen Gemälde. Ein neoexpressives Bild zweier Böcke im Brunftkampf. Ein schnelles, gestisches Porträt Sigmund Freuds mit Zigarre in der Hand. Das sei von einer Patientin, die sich das Malen selbst beigebracht habe. Hochbegabt, aber auf Hilfe angewiesen. Seit fast dreißig Jahren komme sie dreimal in der Woche zu ihm. Mir entfuhr eine Bemerkung des Erstaunens, dass sie sich das leisten könne. „Nun ja, sie gibt mir jedes Mal zwanzig Dollar. Mehr hat sie nicht." Ich sprach ihm meinen Respekt aus für sein soziales Engagement. Er sagte, er wolle es lieber so sehen, dass sie ja von einer kleinen Rente lebe - und ihm ein Viertel ihrer Einkünfte gebe. Er zeigte mir noch andere Arbeiten von derselben Patientin. Sie lehnten auf Wandleisten zwischen anderen Bildern im Flur, direkt gegenüber einer Reihe Goya -Radierungen vom Stierkampf. Ich nahm den Flur aus der Zentralperspektive auf, als interessierte mich nicht die Kunst, sondern der von Deckenspots ausgeleuchtete Eichenfußboden, der geradewegs in die Wohnküche mündete, bei einem langen Holztisch mit bunten Stühlen. Mein Blick fiel auf den Küchentresen, auf dem eine gerahmte Fotografie stand - das berühmte Mapplethorpe-Porträt von Louise Bourgeois, die ihre Petite Filette unterm Arm trägt und mit blitzenden Augen aus ihrem verwitterten, neunzigjährigen Gesicht geradewegs in die Kamera lächelt. Jetzt wusste ich, an wen mich die geheimnisvolle Freud-Leserin vom Vormittag erinnert hatte. Ich war verblüfft über die Ähnlichkeit in Lächeln und Augen - und schon vermischte sich die Erinnerung an ihre flirtenden Blicke mit den raumgreifenden Riesenspinnen und vernarbten Stoffpuppen der tiefenpsychologischen Bildhauerin. Kurz überlegte ich, dem Psychoanalytiker von der Koinzidenz zu erzählen, zumal sie mir jetzt erschien wie ein Traum. Aber so, wie er im Türrahmen stand, in Jeans und schwarzem Hemd, war er wieder ganz FBI-Agent. Er fragte mich, ob ich ein Tuch brauche, um meine Linse zu reinigen; er habe zufällig eines da

06. Oktober 2025 – Brooklyn

Kein Gutes Gefühl: Reden zwischen Kunst und Jakobsmuscheln über „die Situation“​

Sicher werden wir später einmal gefragt, wie das war – mittendrin zu sein, als das Land umgebaut wurde, schneller und gründlicher, als es sich irgendeiner hatte vorstellen können. Mittendrin zu sein und es schrecklich zu finden und weiter sein Leben zu leben. Zu arbeiten, einzukaufen, Sport zu treiben, Freunde zu treffen. Ich werde mich an Alltägliches erinnern. Daran, samstagabends mit der CTrain nach Brooklyn zu fahren. Einen lebendigen Straßenblock zu durchqueren, vorbei an Buchhandlungen und Bars und vollen Lokalen mit feiernden Menschen, und blitzlichtartig diese abstrakten Vorahnungen zu haben eines rasant aus der Zukunft auf uns zuschießenden, ganz anderen Lebens.

Wie war das, als der Umbau des Landes bereits unumkehrbar war und die Leute so taten, als sei alles wie immer – auch wir, an diesem Samstagabend in Brooklyn, als wir von der Lafayette Avenue in eine Seitenstraße mit alten Platanen abbogen und die Reihen alter dunkelroter Stadthäuser entlangliefen, deren steile Sandsteintreppen zu hochgelegenen Eingangstüren führten, und bei der gesuchten Hausnummer dieses fast museal wirkende Pappschild entdeckten: „Defund the NYPD“ – vom Boden aufgelesen nach einem George-Floyd-Protestmarsch, wie wir später erfuhren. Es lehnte beim Souterrain-Eingang, neben dekorativ vergitterten Rundbogenfenstern, durch die wir in einen warm erleuchteten Raum voll kultivierter Behaglichkeit blickten, mit Büchern, Kelims und Designersesseln. An einem Schreibtisch saß eine schlanke, dunkelhäutige Frau am Schreibtisch. Sie winkte uns zu. Man hatte mich mitgenommen, ich galt also nicht als Fremde – und bewegte mich auch anders als sonst in mir unbekannten Wohnungen. Es würde kein Interview werden, sondern ein Gespräch. Wir umarmten uns zur Begrüßung, alle vier, und einer von uns überreichte eine Duftkerze und zwei von uns zogen sich die Schuhe aus, auf dem Mosaikboden aus kleinen schwarzen und weißen Dreiecken, in einem Raum mit Rennrad an der Wand und eisernem Buddhakopf aus Thailand auf dem Heizkörper. Der Sommer war zu Ende, der erste der zweiten Amtszeit des Präsidenten, der das Land so radikal umbaute, dass es all unsere Befürchtungen übertraf. An diesem Tag hatten wir keine Nachrichten gehört, kein Instagram geöffnet und fast alle Newsletter und Petitionsaufrufe weggeklickt, so liefen wir merkwürdig unbeschwert über die geölten Eichendielen, durch den von Deckenspots erhellten Flur. Ich schaute mir die Kunst an: den Schattenriss einer Faust mit Mittelfinger, den „Therapy“-Schriftzug als zitternde Linie wie die Ausschläge eines Elektrokardiogramms. Gegen über gerahmte Goya-Radierungen von Stierkämpfen und Totentänzen. In der Wohnküche duftete es nach Kräutern in warmem Öl, und ich fühlte mich wohlig umfangen von Kultur und Geschmack und der Aussicht auf einen entspannten Abend, an dem wir über gewöhnliche Dinge sprechen würden wie unsere Arbeit, unsere Herkunft, unser Verhältnis zum Kochen. Wir sprachen auch über Weißwein und japanische Messer. Der Fischverkäufer hatte elf Jakobsmuscheln eingepackt anstatt zwölf. Wir sprachen über Tribeca, wo zwei von uns einmal gewohnt hatten, und wir sprachen über den Mond, der fast voll war, wie wir sahen, als wir hinter der Sitzgruppe auf den kleinen Terrassengarten hinaustraten und an schwarzen Baumkronen vorbei in den fast schwarzen Himmel schauten. Wir sprachen über Wohnorte und Werdegänge. Einer erzählt von seinem wichtigsten Mandanten, und davon, seine Werte bisher nicht verraten zu haben. Wir sprachen über „die Situation“. Darüber, dass wir kein gutes Gefühl hätten. Dass wir noch nicht resigniert hätten. Dass wir gehofft hatten, dass . . . Dass wir immer noch hofften. Dass wir nicht verstehen, warum . . . Dass so wenige . . . Dass niemand . . . Dass kaum . . . Wir sprachen darüber, dass wir über etwas anderes sprechen sollten. Darüber, was uns gut tut. Wie war das, zu dieser Zeit über Muskelaufbau zu sprechen, über grüne Smoothies aus Neuseeland und Proteinshakes von Start-ups. Über Basilikumöl. Über Träume. Den Traum, nach New York zu ziehen, der uns alle verband, die wir irgendwann irgendwie hierhergekommen waren, aus Alabama, aus Cuernavaca, von den Berkshires, aus Köln. Über Deutschland zu sprechen. Deutschland in den Dreißigern. Über Zivilcourage zu sprechen. Eine Situation anzusprechen, die man nicht weiter vertiefen wollte, aber die einem zeigt, dass man nicht mehr so einfach diejenigen verurteilen werde, die damals nicht aufgestanden sind. Über Demenz zu sprechen. Über das Altwerden zu sprechen und über Zucker. Über Sicherheiten und Investments und Immobilien zu sprechen. Über Gentrifizierung. Die Nachbarn. Darüber zu sprechen, wie es hier einmal war. Wer mal in diesem Viertel lebte, in Fort Greene. Wer weggezogen ist. Wer heutzutage hierherzieht. Wer sich fünf bis sieben Millionen für ein schmales Stadthaus leisten könne – was man sich manchmal so denkt, bei den neuen Nachbarn, mit ihren Kinderwagen, ihren Hunden und ihrer Vorstellung, es solle so sauber sein wie in den Vororten, weil sie nicht verstehen, dass das hier Stadt ist! Über Spike Lee zu sprechen, der am anderen Ende der Straße wohnt, immer noch. Über Singapur zu sprechen. Über Singapurs sozialen Wohnungsbau, der ein gutes Modell sein könnte. Die dicke Pandemie-Katze zu streicheln, die anschließend aus dem Stand auf den Esstisch springt. Darüber zu sprechen, nur noch unter Freunden offen zu sprechen. Darüber zu sprechen, dass es eskalieren wird. Dass Gewalt kommen wird. Gewalt bereits da ist. Darüber zu sprechen, dass demnächst mehr Menschen auf der Straße erschossen werden. Darüber zu sprechen, dass es vielleicht nicht der totale Untergang sein wird. Und weder eine Diktatur, wie wir sie kennen, noch eine Demokratie – das ist vorbei, genau wie die Meinungsfreiheit –, sondern irgendwas Neues. Eine Art Milliardärsmonarchie. Oder so etwas wie jetzt in Ungarn. Später am Abend, als wir uns auf den Weg zur Subway machten, schauten wir noch einmal auf das Pappschild an. „Defund the Police.“ Fast wunderten wir uns, dass es noch da war. Dass es weder geklaut wurde noch beanstandet, dafür immer mal wieder fotografiert. Wir kamen an einem voll besetzten französischen Restaurant vorbei, an der Weinbar, die tagsüber ein Café ist, in dem fairer Kaffee ausgeschenkt wird und es biologisches Sauerteigbrot zu kaufen gibt. Wir sprachen über die neuen Wolkenkratzer von Brooklyn, an die man sich gewöhnt hat und die zum Teil sehr schön sind und sich dunkel gegen den dunklen Himmel abheben. Wir umarmten uns zum Abschied und freuten uns aufs nächste Mal. Wie war das damals? Man konnte denken, es sei alles ganz normal, werde ich sagen. Normal, und oft sehr schön. Auch wenn ich mich manchmal dabei fürchtete.

17. Juli 2025 – Sils Maria

Das Apollinische und das Dionysische: Wäscheständer überall, selbst bei Friedrich Nietzsche​

Ich wandere den See entlang, lausche den Vögeln, dem Wind und meinen Schritten. Auf der anderen Seite gibt es einen Fels mit einer Inschrift und einer Holzbank davor, von wo aus man einen schönen Blick aufs Wasser hat. Endlich angekommen, sitzt mittlerweile eine Person auf der Bank. Ein seriös in Hemd und Sakko gekleideter, schlanker Herr, dem Gesicht nach jünger, als die grauen Haare vermuten lassen. Mit versunkenem Lächeln blickt er dorthin, wo auch ich sonst hinschaue – durch die Gräser zum See. In seinen Ohren stecken Airpods, offenbar hört der Mann Musik. Ich empfinde das als Sakrileg.

Weil es mich aber interessiert, frage ich ihn, was er da höre. Er nimmt die weißen Dinger aus den Ohren und zieht sein Handy aus der Tasche. „Fon ohne Namen, sind Sie das?“, fragt er in perfektem Hochdeutsch und schickt mir ein Stück über Bluetooth. Wagner. Götterdämmerung. „Danke“, sage ich erstaunt. „Höre ich mir später an.“ Und erkläre weiter, dass ich eigentlich Ruhe bevorzuge, deswegen überhaupt hierhergekommen sei. In der Hoffnung, auch meine Gedanken würden irgendwann zur Ruhe kommen. „Es nervt mich nämlich, wenn die dauernd in meinem Kopf rumsausen. Wahrscheinlich ist das mein Thema: dass ich ständig das Gegenteil von dem tue, was ich eigentlich will.“ „Was wollen Sie denn?“ „Ich will zu Hause sein – und reise. Ich will schweigen – und rede. Ich will mich der Spiritualität der Natur übereignen, und ständig schieben sich profane Gedanken dazwischen. Zum Beispiel denke ich ständig an Wäscheständer.“ Stirnrunzeln bei meinem Gegenüber. „Erstaunlich oft, wenn ich mir eine Wohnung anschaue – ob in Philadelphia, Borneo oder Köln-Sülz – steht irgendwo ein Wäscheständer herum. Mal mit Wäsche, mal zusammengeklappt. So unauffällig, dass ich ihn oft erst hinterher bemerke.“ Der Herr fragt, was ich mache. Ich sage nur, dass ich mir gern anschaue, wie Menschen wohnen. Egal wo auf der Welt. Meine Neugier sei unstillbar, zugleich sehne ich mich nach Klarheit und fürchte ich die Überfrachtung. „Ja, ja, das Apollinische und das Dionysische“, murmelt er. „Wie meinen?“ „Ach, nichts.“ „Kennen Sie Leute, die hier in Sils Maria wohnen?“, frage ich. „Ich suche keine geleckten, lichtdurchfluteten Räume mit Panoramafenster und Designklassikern. Ganz normale Wohnungen. Von Menschen mit ganz normalen Berufen. Wo einfach Zeug herumsteht. Vielleicht auch mal …“ „Ein Wäscheständer?“ „Nein, Wäscheständer ist nicht so wichtig.“ „Ich glaube, ich kann Ihnen nicht helfen.“ Der Mann steht auf und macht sich ruhig auf den Weg – als wüsste er, dass ich ihm folgen würde. Eine Weile laufen wir schweigend hintereinander her. „Wohnen Sie hier?“ Er schüttelt den Kopf, als wolle er gleich auch die nächste Frage abwehren. „Meine Frau und ich leben auf 27 Quadratmetern. Da kommt keiner rein.“ „27 Quadratmeter, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut!“ „Ich mir auch nicht“, sagt er, weitergehend. „Aber so ist es. Zurzeit. Die Küche teilen wir uns mit den Gästen.“ „Welche Gäste?“ Nach gut einer Stunde sind wir zurück im Ort und stehen vor einem alten Steinhaus, etwas zurückversetzt von der Straße. Grünliche Fensterläden, ein halbwegs mittiger Eingang. Inzwischen kennen wir unsere Namen, und er hat von dem Roman erzählt, den er gerade liest: „Das Lächeln des unbekannten Matrosen.“ Drinnen folge ich Dr. Vill durch einen weiß gestrichenen Flur, vorbei an holzverkleideten Räumen. Glasvitrinen, alte Fotografien und gerahmte Briefe streifen mein Blickfeld. Büsten eines Mannes mit Denkerstirn und grotesk bauschigem Schnauzbart. Der Hausherr öffnet einen hohen Raum mit Büchern bis unter die Decke. Die Bibliothek. Satt an Eindrücken, stelle ich keine Fragen mehr. Ich will haushalten, das Wichtige kommt ja noch. Auch die Aquarelle an den Wänden im Obergeschoss lasse ich an meinen Augenwinkeln vorbeiziehen. Am Ende des Flurs ein Fenster, zusammengesetzt aus vielen farbigen Quadraten – genau wie das im Kölner Dom. Die Türen zu den Gästezimmern bleiben geschlossen. Zurzeit sei eine Professorin aus Yale da und zwei Rucksacktouristen. Ein paar Stufen führen hinab zur Privatwohnung der Vills. „Bitte sehr.“ Er hält mir die Tür auf. Ich bleibe vorn stehen. Der Raum ist länglich, Dachschrägen machen ihn gemütlich und zugleich bedrängend. Ein Schreibtisch, ein Globus, Bücher. In einer Nische: ein Bett. Am Kleiderschrank, mit Tesafilm befestigt, der Druck eines Renaissancegemäldes. Der Porträtierte lächelt seltsam belustigt. „Ist das der unbekannte Matrose?“ „Ja, das ist er.“ „Darf ich den Raum kurz fotografieren?“ „Nur zu.“ Nach zweimal Knipsen ziehe ich mich, zu seiner Verwunderung, diskret wieder zurück in den Gastbereich. Oberhalb des Treppenabsatzes sind ein paar Zeilen in alter Handschrift angebracht, wandbreit vergrößert. Modern wie in einem Museum, die Schrift allerdings kaum lesbar. Dr. Vill liest vor. Ein Gedicht über zielloses Warten am See. Es endet: „Da plötzlich, Freundin, wurde Eins zu Zwei / Und Zarathustra ging an mir vorbei.“ Langsam dämmert mir etwas. „Hier ist sein Zimmer.“ Er führt mich in einen kargen Raum, mit grünlicher Tapete, die von einem feinen floralen Rautenmuster durchzogen ist. Links steht ein einfaches Bett, dahinter, über Eck, ein Tisch mit grün-schwarzer Wolldecke und Biedermeierstuhl. Vom Fenster aus der Blick zur alten Scheune und den Hang hinauf – dort, wo heute noch die Villa Laret steht. Hier verbrachte, lange nach Nietzsches Aufenthalten, Anne Frank zwei Sommer bei ihrer Tante. Als das noch ging. Rechts des Fensters der Waschtisch mit Krug und Schale aus Porzellan. „Eigentlich war Nietzsche das Zimmer zu klein und zu niedrig und selbst im Sommer zu kalt. Trotzdem kam er sieben Jahre lang her und ließ sich sogar die Wände grün tapezieren – die Farbe beruhigte seine empfindlichen Augen. Er war überhaupt empfindlich. Zu der Weltausstellung in Paris, bei der die neuesten Instrumente vorgestellt wurden, meinte Nietzsche, da müsse er nicht hin. Er sei selbst das empfindlichste Instrument, das je gebaut wurde.“ Auf dem Weg hinunter frage ich: „Das mit dem Chaos, das man in sich haben müsse, um einen tanzenden Stern zu gebären. War das von ihm?“ Dr. Vill nickt. „Und um etwas zu gebären, braucht es Ruhe. Rückzug.“ Später, am Computer, sehe ich mir die Fotos an. Den Nietzsche-Raum, dann den der Eheleute Vill. Am linken Bildrand fällt mir ein Wäscheständer auf. Zusammengeklappt lehnt er an der Wand. Es sei doch nicht genug, sagt Friedrich Nietzsche, eine Sache zu beweisen, man müsse die Menschen zu ihr auch noch verführen. Dem nach ihm benannten Haus in Sils Maria gelingt dies nicht nur mit der Bibliothek, sondern sogar mit der Waschmaschine.

28. Mai 2025 – Paoli, Pennsylvania

Geborgen, auch ohne Tradition: Schreiben, um zu leben. Taxifahren, um zu überleben

Nach drei Stunden Zugfahrt erreiche ich Paoli, Pennsylvania. Ein sonnig kahler Provinzbahnhof mit mir als einzigem Menschen weit und breit. Nach sechs Minuten biegt mein Taxi um die Ecke. Der Fahrer heißt Jia H. Er ist ein schöner Mann mit melancholischem Blick. Mit feingliedrigen braunen Händen umfasst er das Lenkrad und unterdrückt ein Gähnen. Er habe schlecht geschlafen, entschuldigt er sich in britischem Englisch. Er schlafe allgemein schlecht – selten mehr als drei oder vier Stunden. „Und dann ist mein Schlaf voller Träume. Die neue Regierung macht die Sache nicht besser. Nachrichten höre ich nur noch selten. Dafür stehe ich nachts auf und schreibe an meinem Roman.“

Jia stammt aus Khyber Pakhtunkhwa, zwei Stunden nördlich von Islamabad. Aber er habe lange in London gelebt, in Paris, Dubai und New York. „Und was treibt Sie dann nach Paoli, Pennsylvania?“ Er seufzt. „Ich habe geheiratet.“ „Oh, das muss ja Liebe sein.“ Er schweigt. „Es war eine arrangierte Hochzeit. Ich wollte nie heiraten.“ „Warum haben Sie es dann getan?“ Ordentlich setzt er den Blinker und biegt auf das Bürogelände ein. „Druck von der Familie. Meine Mutter, meine Schwestern, alle wollten, dass ich heirate.“ Ich verspüre den Wunsch, meinen sensiblen Fahrer vor seinen übergriffigen weiblichen Familienmitgliedern in Schutz zu nehmen. Wieso ließ sich dieser intelligente Mann, dem offenbar die ganze Welt offengestanden hat, durch Zwangsheirat in ein amerikanisches Kaff verbannen? Herrscht in der Islamischen Republik Pakistan in Wirklichkeit ein Matriarchat? „Jetzt fahre ich zu viel Taxi. Meine Träume leiden, und mir fehlt die Zeit zum Schreiben.“ „Ich schreibe übrigens auch. Vor allem über Wohnungen – und die Menschen, die darin leben.“ Wie könnte ich Jia bitten, mir seine zu zeigen? Mir fällt nichts ein. Doch als er mich drei Stunden später im Bürocampus wieder abholt, fragt er, ob ich hungrig sei. Seine Frau habe gekocht, Reis und Curry. „Oh, sogar sehr hungrig!“ Es sind nur ein paar Minuten über den Highway. Jia erzählt von seiner Familie, die Teeplantagen besitze und der größte Arbeitgeber im Dorf sei. „Die Bewohner versammeln sich jeden Sonntag in unserem Teehaus. Mein Vater war ein einfacher Mann, aber wenn es Streit gab, suchten die Leute seinen Rat. Als er starb, brach ich mein Politikstudium ab und kam aus London zurück. Jetzt suchten die Dorfbewohner bei mir Rat!“ „Das klingt schön.“ „Ja, aber nach zwei Jahren hatte ich genug. Ich träumte ja schon von den Problemen der Leute! Außerdem wollte ich meinen Roman schreiben.“ „Verstehe.“ „Ich wollte nichts mehr mit den Traditionen zu tun haben, aber von irgendwas musste ich leben. Also gab mir ein Freund aus London einen Job beim pakistanischen Fernsehen, und ich reiste vier Jahre lang überall hin, wo Imran Khan war. Für die UN-Hauptversammlung war ich in New York. Und dann arrangierte meine Schwester von Philadelphia aus die Hochzeit.“ Wir durchqueren eine Siedlung identisch aussehender weißer Holzhäuser. Amerikanische Mittelklasse im Swing State Pennsylvania. Da und dort steckt noch ein Trump-Schild am Zaun. „Immerhin sind jetzt weniger Flaggen zu sehen als vor einem Monat“, sagt Jia. „Vielleicht ein Zeichen, dass die Leute aufwachen.“ Vor seiner Haustür will ich ihn fotografieren. Erst zögert er. Er habe noch viel vor mit seinem Roman. Und stellt sich dann doch in Pose mit seiner modisch zerschlissenen Jeans und dem eleganten kurzen Mantel. Hinter der Haustür stellen wir unsere Schuhe ab, dann geht es auf Socken die mit hellem Teppichboden belegte Treppe hinauf. Sie führt direkt in ein großes Wohnzimmer mit Rutsche, Sofas und Babykrippe. Plastikautos stehen aufgereiht vor dem riesigen Flachbildschirm mit Standbild eines Bollywoodfilms. Jias Frau Zara ist jung, sehr feminin und fröhlich. In den Armen hält sie einen schlafenden Säugling mit rosa Schleifenturban. Der Sohn sei gerade im Kindergarten. Es duftet nach Kardamom und Kreuzkümmel, der Reis rieselt locker von der flachen Kelle. Zara isst nicht mit. Es ist einer der „weißen Tage“ im islamischen Mondmonat, an denen Enthaltsamkeit empfohlen wird. Da stellt sie sich den Wecker auf vier Uhr, um vor Sonnenaufgang zu frühstücken. Viel Joghurt hilft gegen den Durst während des Tages. Den Koran liest sie im Handy. „Meine Frau ist gläubig.“ „Kopftuch trägst du aber nicht?“, frage ich Zara. „Nein, das steht nirgends im Koran. Und mein Mann hätte etwas dagegen.“ Sie lacht. „Er mag keine Traditionen.“ „Ich will ein freier Mensch sein. Auch meine Kinder sollen freie Menschen sein. Darum geht es auch in meinem Roman.“ Nach dem Essen betrachten wir auf dem Sofa das eingerollte Baby mit den schlafenden Mandelaugen. Dann erzählt Zara, wie sie in dem Café, in dem sie kellnerte, von einer pakistanischen Frau angesprochen wurde – Jias Schwester. „Eine Woche später heirateten wir.“ „Warum so schnell?“ Lächelnd zuckt sie mit den Achseln. Sie wirkt verliebt. Mir fällt ein Satz ein, den ich nie ganz verstanden habe: „Es ist egal, wen du liebst, wichtig ist, dass du liebst. Ist es so?“ Zara nickt. „Im Koran heißt es, in der Ehe ist man geborgen und findet Barmherzigkeit.“ Jia reicht mir einen großen Becher schwarzen Tees, nach Familienrezept fünfzehn Minuten mit Milch aufgekocht. Ich verzichte lieber. „Sonst liege ich die ganze Nacht wach.“ Er zuckt mit den Achseln. „Ich trinke diesen Tee den ganzen Tag über.“ „Könnte dein schlechter Schlaf damit zusammenhängen?“ Kurz Stille. „Kann schon sein. Aber ich mag den Tee.“ Jia geht zurück in die Küche. „Liest du eigentlich, was dein Mann so schreibt?“ „Früher hat er mir seine Geschichten erzählt. Heute mehr seine Träume.“ Auf der Rückfahrt zum Bahnhof schwappt Jias Milch-Tee im Getränkehalter von einem Rand zum anderen. „Eure arrangierte Ehe wirkt aber recht glücklich?“ Er widerspricht nicht. „Wenn ich nur besser schliefe. Und mehr Zeit zum Schreiben hätte! Wenn das so weitergeht, wird der Roman nie fertig.“ „Vielleicht geht es beim Schreiben gar nicht ums Fertigwerden, sondern ums Schreiben?“ „Ich träume aber schon davon, als Schriftsteller Einfluss zu nehmen.“ In der Nacht liege ich wach und denke an Jia, Zara und das Baby. Ob der Roman je fertig wird? Vielleicht ist es nicht wichtig, seine Träume zu realisieren – es ist wichtig, dass man träumt. Kinder im Haus hinterlassen stets Spuren: Manchmal sind es nur deren Zeichnungen, die an einer Wand hängen, andere Male verwandeln sich Wohnzimmer in einen Spielplatz.

10. April 2025 – Mexico-Stadt

Ist das Cashmere?: Nein, Baby-Alpaca: Die Welt als Kreislauf aus Schöpfung und Zerstörung

San Miguel de Chapultepec, ein ruhiges Wohnviertel südlich des Stadtparks von Mexikostadt. Hohe Bäume von subtropischer Üppigkeit säumen Straßen mit verwitterten hispanischen Villen und zeitgenössischer Architektur. Ein kleines Café hat um acht schon geöffnet. Außer mir sitzt nur ein weiterer Gast draußen auf der langen Holzbank. Er trägt eine groß gemusterte Strickjacke und isst Tamales aus einem gefalteten Bananenblatt. Ich trinke eine gewürzte Xocolate und lese im „Tibetischen Buch vom Leben und vom Sterben“. Zu große Angst vorm Sterben sei genauso unangemessen wie die naive Haltung, der Tod gehöre halt zum Leben und erfordere keine innere Vorbereitung, heißt es darin. Das achtsame Akzeptieren stetiger Wandlung, die nichts anderes sei als unzählige kleine und größere Tode und Geburten, helfe – auch dabei, besser zu leben.

Dann ertönt ein lautstarkes „Pinche Madre!“ Mein Banknachbar schimpft, während er den Ärmel seiner Strickjacke untersucht. Offenbar ist Vogelmist darauf gelandet. „Und das auf so einer wunderschönen Jacke“, sage ich mitfühlend und denke: der Tod des sauberen Ärmels, die Geburt eines Flecks. „Eine Fünfhundert-Dollar-Jacke!“, grunzt er und versucht mit einem Holzmesser, den guacamolefarbenen Spritzer von der naturbelassenen Wolle abzunehmen. „Ist das Cashmere?“ „Baby-Alpaca.“ Seine Frau lasse die Jacken in Cuernavaca stricken und verkaufe sie online. Außerdem in einer Boutique in Beverly Hills, dort für das Doppelte. An diesem Morgen seien drei neue Jacken vorbeigebracht worden, und weil ihm kalt war, habe er schnell eine davon übergezogen. „Meine Frau flippt aus, wenn der Fleck nicht rausgeht“, jammert er. „Ich hätte eventuell Interesse.“ Entgeistert schaut mich der Mann an; als hätte ich eine Vorliebe für Vogeldreck auf der Kleidung. „Also, nicht an genau dieser. Aber ich finde die Jacke sehr schön.“ „Das Muster ist gut, nicht wahr?“ Der Mann stellt sich als Roberto vor, Filmemacher aus der Nachbarschaft. Er kommt noch einmal auf die Qualität des Garns zu sprechen. Dann ruft er seine Frau an. Jemand aus Deutschland habe Interesse an ihrer Kollektion. Plaudernd gehen wir die Straße hinunter zu einem modernistischen Wohnhaus. Sichtbeton und Holzlamellen. Die Stahltür neben der Einfahrt springt lautlos für uns auf, dann geht es eine Rampe hinunter und durch die Tiefgarage. Zwischen Mittelklassewagen parkt auch ein alter Ford Mustang unter einer total verstaubten Plane. Das halb offene Treppenhaus dahinter wirkt krude wie das eines Rohbaus, aber auf jedem Stockwerk liegen sich zwei hohe schlanke Apartmenttüren aus Ahornholz gegenüber. In der dritten Etage betreten wir einen riesigen, vollgestopften Wohnraum. Vorne eine offene Küche aus schwarzem Granit, rechts ein breites Fensterband über die ganze Länge des Raumes, das ihn trotz des dichten Baum- und Palmengrüns davor in helles Tageslicht taucht. Links führt eine Treppe in die nächste Etage. „Gabriela?“, ruft Roberto hinauf und zieht die Strickjacke aus. Eine aparte Frau mit langem Haar kommt die Stufen hinunter. Sie trägt einen cremeweißen Strickmantel, dessen ultraweite Maschen ihn wie ein Netz mit Ärmeln wirken lassen. Gabrielas freundliches Gesicht ist von Sommersprossen übersät. „Entschuldigen Sie die Unordnung.“ „Nein, gar nicht. Sehr atmosphärisch!“ Damit meine ich den Stapel Gemälde unter der Treppe, die unzähligen Bücher, Kunstbände und lauter folkloristische Objekte in Regalen, auf Simsen und Tischen. Während Gabriela sich der versauten Strickjacke zuwendet, schaue ich mich diskret um. Überall sind Zeugnisse des Todes verstreut, Kommentare zur Vergänglichkeit, dem Wunsch nach Bewahrung. Der filigrane Schaukelstuhl aus Rohrgeflecht macht es jedenfalls nicht mehr lange. Die federgeschmückte nackte Frau auf der gerahmten Schwarz-Weiß-Fotografie ist längst unter der Erde. Zwei angeschlagene, unglasierte Krüge in Tierform – gefertigt von Menschen, deren Knochen schon zu Kolumbus’ Zeiten zerfallen waren. Auf dem gläsernen Esstisch steht ein Strauß Sonnenblumen, von denen ich nicht sagen kann, ob sie frisch sind oder vertrocknet. Eine Bäuerin sagte mir einmal, Blumen gehörten in den Garten, nicht ins Haus. Sie abzuschneiden und ihnen beim Sterben zuzuschauen käme ihr nicht in den Sinn. Der Wohnzimmerschrank mit seiner tiefen mittigen Regalöffnung stammt offenbar aus Zeiten, in denen noch riesige Röhrenfernseher üblich waren. Statt eines solchen stehen dort drei Oscar-ähnliche Statuen und weitere Pokale. „Ulama – Das Spiel vom Leben und vom Tod“, Robertos Dokumentarfilm über das Ballspiel der Mayas, bei dem ein vier Kilo schweres Gummi-Ei nur mit Hüfte oder Schulter bewegt werden durfte, hat etliche Preise abgeräumt. „Das Ballspiel war blutig, die Gewinner ließen sich häufig köpfen.“ Natürlich mussten auch die Verlierer dran glauben. Ganz normal, damals. Von der Theorie, dass die zigtausendfachen rituellen Tötungen auch die Überbevölkerung in Schach hielten, hält Roberto nichts. Tenochtitlan, das heutige Mexikostadt, war zwar bereits die größte Stadt der Welt, aber Menschenopfer als zentrales religiöses Element waren einfach nötig, um die Götter zu besänftigen. Huitzilopochtli, der Sonnengott, verlangte nach noch zuckenden Herzen. Mich gruselt der Gedanke an die alltägliche Grausamkeit damals wie heute. Es zieht mich zur Kuscheligkeit der übergroßen Strickjacke, die Gabriela vor mir ausbreitet. Das Muster mit den schwarzen Dreiecken stammt von einem Frida-Kahlo-Gemälde, auf dem die Porträtierte ein ähnliches Kleidungsstück trägt. Roberto findet in einem Bildband die richtige Stelle. Da schaut ein indigenes Mädchen mit abstehenden Ohren und hölzernem Flugzeug auf dem Schoß dem Betrachter direkt in die Augen. Gespannt schlüpfe ich in die weiche Jacke. Sie fühlt sich an wie eine warme Umarmung. Baby-Alpaca. Der Preis ist stolz. Würde ich sie auch kaufen, wenn ich wüsste, dass ich morgen sterbe? Ganz sicher. Die kontaktlose Zahlung von Handy zu Handy wirkt wie eine futuristische Interaktion, die bald auch schon wieder Vergangenheit sein wird. Eine Weile sitzen wir zu dritt auf dem Sechzigerjahre-Sofa und sprechen über aztekische Beerdigungsrituale. Menschenopfer gab es auch in Europa, ist Roberto wichtig zu betonen. „Nicht aber in Tibet“, sage ich zögerlich. Er lacht. Da vielleicht nicht. Und dann finden wir doch eine Gemeinsamkeit zwischen dem gewaltlosen Buddhismus und der mesoamerikanischen Kriegerkultur: Für beide ist die Welt ein endloser Zyklus von Schöpfung und Zerstörung. Wieder draußen auf der Straße blitzen Sonnenstrahlen durch dichtes Blattwerk, aber noch ist es kühl genug, um die neue Strickjacke zu tragen. Der Dieselgeruch eines vorbeifahrenden Sperrmülltransporters erinnert mich an die Luft meiner Kindheit, und ich fühle mich maximal lebendig.

30. Januar 2025 – S-chanf im Engadin

Das Sofa mit dem Pudel teilen: Vom Blick der Ziege und einem Heer aus Buchstaben: Begegnungen im Haus einer Elfe

Nach einem langen Spaziergang durch den Tiefschnee am Silvaplaner See mache ich in einem Gasthaus die Bekanntschaft mit einer feingliedrigen Person, von der ich nicht sagen kann, ob es ein Mann ist oder eine Frau. Aber ich erfahre, dass ihr Urgroßonkel ein lokaler Dichter war und Spezialist für bergüner romanische und ladinische Grammatik. Beide Dialekte seien voller Nuancen und verschlungener Regeln, ein wenig wie die hiesigen Häuser, die hinter massiven Mauern oft überraschende Räume und Winkel offenbaren. Der Vergleich bringt mich dazu, meine Neugier für das Innenleben von Häusern zu erwähnen.

Wenig später erzählt mir mein androgyner Tischnachbar von einer Frau im Ort, die in einem Haus mit sieben Schlafzimmern wohne und mal in dem einen, mal in dem anderen schlafe. Es sei eine elfenhafte Erscheinung hier aus dem Engadin, mit dem rätoromanischen Namen Ladina. „Ein blondes Kind, das jede Blume und jedes Wildkraut benennen konnte, weil es von klein an seinen Vater, einen Bergführer, auf Wanderungen begleitete. Als ein Film über das skifahren gedreht wurde, bei dem ihr Vater für die sicherheit sorgte, wurde es als bergtüchtiges Mädchen mitgenommen, um beim Make-up mitzuhelfen. Und beim nächsten Film wieder. so lernte die Frau schon früh viele Menschen kennen, die aus Amerika und anderen Orten der Welt ins engadin kamen, um hier Filme zu drehen, und sich bei Wanderungen, mit trinkkuren und in den Heilquellen vom Filmedrehen erholten. Bald ging sie selbst in die Welt hinaus, lernte Modemacher kennen und Künstler, die sie malten und fotografierten. sie selbst lernte, mit Farben und tuch Menschen leuchten zu lassen. Und verkaufte die Bilder der Maler, mit denen sie befreundet war, an andere Freunde. Später kehrte sie ins Engadin zurück, so wie alle Engadiner irgendwann zurückkehren, und fand ein vornehmes, hundert Jahre altes Herrenhaus. Eigentlich war es ihr viel zu groß. Aber sie hatte ja Freunde, die weiterhin aus aller Welt in die Berge kamen. Und bei sieben Schlafgemächern sollten immer zwei oder drei frei sein, selbst wenn ihre Tochter da wäre oder ihr Ex-Mann, ein Architekt, der ihr half, das neue Heim behutsam umzubauen und die Seele des Hauses unbeschadet zu lassen.“ Mit diesen letzten Worten von der unbeschadet gebliebenen Seele des Hauses zieht sich die auf mich auch seltsam alterslos wirkende Person wieder in sich selbst zurück, gerade so, als habe sie sich durch ihre Erzählung ein wenig verausgabt, als bedeute jedes weitere Wort raubbau an der eigenen Seele. Obwohl ich gern mehr erfahren hätte, drängele ich nicht weiter. Und als ich meinen Tee zahle, bemerke ich, dass am Nachbartisch niemand mehr sitzt. Tags darauf suche ich das Haus: die Straße hinauf, auf der rechten Seite, Nummer 7. Ein elegantes, puderrosa verputztes Anwesen mit hellblauen Fensterläden und mittigem Eingang wie bei einer kleinen Schule. Da ich keine Klingel sehe, drücke ich die Klinke. Das Vestibül duftet nach Mandarinen und Äpfeln, die in zwei Körben auf den alten Bodenfliesen stehen. Hinter der inneren Glastür erscheint eine schlanke Frau, in fließende helle Stoffe gekleidet und mit einem Telefon in der Hand. Der asymmetrische Pony fällt ihr halb in die Stirn. „Ladina?“, frage ich. „Ja?“ Ich erzähle ein wenig davon, was ich im Gasthaus gehört habe, und sie bittet mich herein. Gern zeige sie mir später ihr Haus, gerade sei sie aber im Gespräch. Sie weist mir den Weg in einen gemütlichen roten Salon. Staunend nehme ich auf einem Samtsofa Platz, auf dem bereits ein eingerollter Pudel schläft, und betrachte die floralen Verzierungen an der Decke. Ladina telefoniert in fließendem Französisch, das zu ihrer klaren und ruhigen Stimme passt, dann wechselt sie in den melodiösen Singsang einer anderen Sprache, die mir zugleich vertraut und exotisch erscheint. Ich vermute rätoromanisch. Oder ist es Ladinisch? Ihre von vielen weich-kratzigen ch- Lauten durchsetzten Worte werden in dem Maße leiser, wie sich ihre Schritte durch den gekachelten Flur entfernen. Währenddessen lasse ich das harmonische Miteinander von Gegenständen aus verschiedenen Epochen auf mich wirken. Die Vertäfelungen an Wänden und Decke. Bücherstapel, Kachelofen. Der Pudel hebt kurz den Kopf, als ich ihn streichele. Nach einer Weile stehe ich auf und schaue mich vorsichtig um. Auch im Nachbarsalon, wo über dem runden Holztisch eine Lampe schwebt aus sieben leuchtenden Globen, wie Planeten. Auf einer übermalten Collage schaut mir ein Ziegenkopf direkt in die Augen. Im schnurgeraden, gekachelten Flur hängen historische Fotografien an den Wänden, Quittenzweige stecken in bauchigen, grünen Flaschen. Zu beiden Seiten gehen Zimmer ab. In der modernen Küche köchelt etwas würzig Duftendes auf dem Herd. Hinter dem türkis und grün gestalteten Treppenhaus mit seiner kunstvoll geschnitzten Balustrade öffnet sich der Flur zu einem kleinen, offenen Büro. Ich sehe einen Schreibtisch voller Papiere, Bilder und bemalter Figuren, denen man eine geheime Bedeutung anmerkt. Hier lehnt ein fast wandfüllend großes schwarz-weißes Gemälde mit expressiv gemalten Buchstaben L A D I N. sie kommen mir vor wie ein kleines Heer wild entschlossener Getreuer, die die am schreibtisch sitzende Person beschützen sollen, ja die ganze aufgespannte Leinwand wirkt, als könne sie die Bildbesitzerin in eine wärmende Decke kleiden. Zurück im roten Salon, ist es dämmrig geworden. Ich schaue mir eine Zeitschrift an, die zuoberst auf einem Stapel liegt; darin hochglänzende Fotografien der Räume, in denen ich gerade bin. Ich lese, dass die „Villa Flor“ von einer Familie gebaut wurde, die vom einst bettelarmen Engadin nach Parma ausgewandert sei und dort ein Vermögen gemacht hat. Als Besitzer einer Schokoladenfabrik seien sie wiedergekommen, so wie alle Engadiner irgendwann wiederkommen. Noch einmal hundert Jahre später verkauften deren Nachfahren das Haus. An Ladina. Voller Gerümpel sei es gewesen, lese ich weiter im Interview mit ihr, sie habe nur das Klavier, einige Truhen und Bücher behalten. Ich lehne mich zurück ins Sofa und streichele den Pudel. Dann erschrecke ich bis ins Mark, weil vor dem Kachelofen jemand sitzt. Im Halbdunkel erkenne ich die Person aus der Gaststube, die hier aufrecht und mit Federhalter etwas in ihr Heft notiert. Ich warte, bis sie aufschaut, aber sie scheint mich nicht zu erkennen. Ihr Blick geht in die Ferne, und in ihren gletscherblauen Augen spiegelt sich die tiefe der engadinischen Geschichte.

Hörprobe

26. September 2024 – Edinburgh

Die Frau im Fenster: Mehr als Chaplin und Walt Disney, und am Ende fließt noch Blut

Eigentlich hatte Torquil das Heimkino im Dachgeschoss für die Vorführung am nächsten Freitag vorbereiten wollen, für die Mitarbeiter vom Café. Mit acht Personen würde der kleine Raum schön voll werden, er selbst würde sich einen Hocker heranziehen, die bequemen Lehnsessel wären für die Gäste. Welchen Film er zeige, wusste er noch nicht, wahrscheinlich einen stummen Klassiker mit Keaton, Chaplin oder Arbuckle. Vornweg ein paar Vintage-Kinowerbungen aus den frühen sechziger Jahren auf sechzehn Millimeter, den Originaltrailer zu Hitchcocks „Marnie“, den in der langen Version, und einen Disney-Zeichentrickfilm in Technicolor. Seine Schwester würde Popcorn reichen, wie früher. „Ich gehe hoch, Marie“, rief er ihr zu. Aber dann klingelte es schon, und die deutsche Fotografin, die sich erst am Vormittag angemeldet hatte, stand vor der Tür.

Torquil war der Grund für ihren Besuch nicht ganz klar. Zunächst vermutete er, es sei wegen der Zeitungsmeldung; er hatte die Musikbibliothek des schottischen Fernsehens aus dem Müllcontainer gerettet und der Gesellschaft für Leichte Musik zukommen lassen. Andererseits war der Kontakt über das Café zustande gekommen, in dem er mittags seinen Beetroot Detox Smoothie trinkt – und die Leute bei „Procaffeination“ interessieren sich nicht für orchestrale Unterhaltungsmusik. Dafür umso mehr für Film, einem Gebiet, auf dem er, bei aller Bescheidenheit, einiges Wissen mitbringt. In seiner Filmgruppe beim Scottish Arts Club behandelte er gern expressionistische Stummfilme. Wobei sein Interesse für die Sozialgeschichte der Weimarer Republik sicher auch mit seiner fränkischen Herkunft zusammenhängt. Das erzählte er auch der Fotografin, die ihm über die Eingangstreppe nach oben gefolgt war und nach neugierigen Blicken durch den Flur und in die abgehenden Räume nun auf dem Samtsofa Platz genommen hatte. Weil sie interessiert schien, zeigte er ihr die alte Bibel, die er unter dem Fernseher in einer blauen Plastiktüte aufbewahrte. Dort war auf den ersten Seiten die Familienchronik eingebunden, mit Namen, Geburtsdaten und Berufen seiner Vorfahren, alles in Sütterlin. Die meisten von ihnen waren Schweinemetzger gewesen, in Hohenlohe. „Mein Urgroßvater besaß dann eine Schweinemetzgerei in Leeds“, erzählte Torquil weiter. „Er gab sie an meinen Großvater weiter, und damit fand die Tradition ihren Abschluss. Ich bin meinem Vater sehr dankbar, ein anderes Handwerk gelernt zu haben. Sonst wäre ich vermutlich auch Schweinemetzger geworden!“ Stattdessen wurde er Grundschullehrer und hat als solcher auch bis zu seiner Frühpensionierung mit siebenundvierzig Jahren gearbeitet. In der James Gillespie Boys School, zu sehen auf dem Gemälde im Wohnzimmer, das er bei einem Kunstmaler in Auftrag gab. Vorn auf dem Bild ist er selbst zu sehen, als sechs- oder siebenjähriger Junge mit Segelohren. Kurz wurde er unsicher, weil die Fotografin alles, was er sagte, in ihre auf den Knien aufgeschlagene Kladde notierte. Sie stellte auch eigenartige Fragen, zum Beispiel zu seiner Schwester, deren Zimmertür von der Stube aus abging. „Wohnt hier ein Kind?“, fragte sie mit Blick auf die fünf bunt bemalten Holzbuchstaben ihres Namens: M A R I E. Nein, Marie war schon lange kein Kind mehr, mit ihren 89 Jahren. Sie war fünfzehn Jahre älter als er. „Hatte Ihre Schwester Sie früher mit ins Kino genommen?“ Torquil verneinte entschieden. Seine Leidenschaft für Film hatte Marie nie geteilt. Allerdings hat sie ihm später bei administrativen Dingen geholfen, beim Kartenverkauf und bei dem Ausschank von Erfrischungsgetränken. „Und woher stammt Ihr Filminteresse?“ Endlich eine interessante Frage! Er erinnerte sich gut an seinen ersten Kinobesuch. Ein abendfüllender Zeichentrickfilm von Walt Disney. „Pinocchio.“ Und an die Matineen samstags in den ABC-Kinos. Die besuchte er gemeinsam mit seinem Vater, dem er letztlich wohl die Liebe zum Kino verdanke. „Er hieß übrigens mit Vornamen Alfred. Für mich von Bedeutung wegen ‚Cinema Paradiso‘. Dort gibt es den Filmvorführer Alfredo, der Mentor der Hauptfigur Toto.“ Die Fotografin war mittlerweile aufgestanden, ließ den Blick über Maries Porzellanfiguren schweifen und dann Richtung Küche. „Gehen Sie ruhig rein. Sie werden meine Schwester dort antreffen.“ Wenn Marie tagsüber nicht im Sessel saß, von dem aus man auf die Pentland-Hügel blickte, war sie meistens in der Küche. „Hier ist niemand.“ „Seltsam“, murmelte Torquil. Manchmal kam ihm seine Schwester in der Tat etwas geisterhaft vor. An ihre Lautlosigkeit war er natürlich gewöhnt, und daran, dass sie häufig nicht da saß, wo er sie vermutete. Schließlich lebten sie seit 44 Jahren zusammen. „Marie hat nie geheiratet, und auch ich hatte bei meinem arbeitsintensiven Hobby nie Zeit für eine Beziehung.“ Für einen Moment, nur aus den Augenwinkeln, hatte er den Eindruck, die Fotografin mustere ihn misstrauisch. „Möchten Sie jetzt den Kinosaal sehen?“ Eher zögerlich folgte sie ihm ins Dachgeschoss, zeigte dann aber durchaus Interesse an den Stapeln mattsilberner, runder Filmdosen, die den Weg hinauf säumten: die Ealing Comedies, die Lon-Chaney-Filme, Leni Riefenstahls Berg-Reihe. Die meisten hatte er über Ebay ersteigert oder auf der Northern Film Collectors Convention gekauft, die jeden November in Blackpool, Lancashire, stattfindet. Oben war es fünf Grad wärmer als im Rest des Hauses. Torquil rückte die Stativleinwand, die noch aus der Schule stammte, wieder gerade und zeigte auf die Projektoren für 16- und 35-Millimeterfilme. Dann schaltete er die rote Lampe ein, mit der er den Raum vor einem Filmscreening beleuchtete, um eine kinoähnliche Stimmung zu erzeugen. „Brauchen Sie mehr Licht, um zu fotografieren?“ „Nicht nötig. Aber könnten wir vielleicht das Fenster öffnen?“ Weil ihm das nicht möglich war, die Dachluke klemmte seit Jahren, knipste sie, mehr aus der Hüfte, zwei schnelle Fotos und meinte dann, sie müsse leider aufbrechen. Torquils Blick fiel auf die unsortierten Filmrollen der Abteilung Gothic/Horror/Film Noir, die sie zuletzt angeschaut hatte: Edmund Gouldings „Nightmare Alley“, Alfred Hitchcocks „Psycho“, Fritz Langs „Woman in the Window“. Plötzlich hatte es die Fotografin sehr eilig; er hatte noch nicht einmal Zeit, seinen Gast die Treppe hinunterzubegleiten. Nachdem er die Haustür ins Schloss fallen hörte, klopfte Torquil bei seiner Schwester. Marie stand in ihrem Zimmer am Fenster. Gemeinsam schauten sie hinaus auf die Straße, wo sich die eigenartige Deutsche mit ihrer Kameratasche zügig entfernte, Richtung Bushaltestelle.

27. Juni 2024 – Kuruppampady, Kerala

Mögen Sie Idli?: Ein unverhofftes Abendessen zwischen lauter Göttern

An meinem letzten Tag in Kerala passiert mir etwas Dummes. Nach meinem Besuch im Iringole-Tempel inmitten eines prächtigen Urwalds stirbt der Akku meines Telefons – und als ich zur Straße zurückkomme, ist mein Fahrer weg. Er parkt auch nicht um die Ecke, wo er sonst bei offenen Fenstern und zurückgelegtem Sitz vor sich hin schnarchen würde. Das kleine weiße Auto ist nirgends zu sehen. Und es wird bald dunkel. Ich folge also der Stichstraße, die wieder in den Wald führt, denn hier stehen einige stattliche Häuser, in denen ich hilfsbereite Menschen vermute. Die ersten beiden Anwesen liegen dunkel da. Bei der dritten Einfahrt, die zu einem Bungalow mit pagodenartig schwebender Dachkonstruktion führt, wässert ein athletisch-drahtiger Mann in Shorts seine Pflanzen.

Ich betrachte Büchervitrinen, Sporttrophäen, Pfauenfedern und antike Saiteninstrumente. Der angrenzende Raum, den ich durch einen Rundbogen betrete, ist quadratisch und hat mittig ein blau gefliestes, durch vier römische Säulen abgestecktes Becken. Ein Brunnen, in dem anstelle von Wasser jetzt die bunt bemalte Skulptur des flötespielenden Krishna steht, der mit seinem feminin geschminkten hinduistischen Götterpuppengesicht durch mich hindurchlächelt. Soshi erklärt, hier sei früher Regenwasser hineingeführt und gespeichert worden, wie bei südindischen Nalukettu-Häusern üblich, die immer rechteckig um einen als „Nadumuttam“ bezeichneten Innenhof gebaut seien. Sie hätten das Dach darüber aber geschlossen, als sie nach ihrer Rückkehr aus Qatar das Haus kauften. Qatar? Da habe Sadananda zwanzig Jahre als Banker gearbeitet, bevor er sich frühpensionierte, damit sie endlich wieder ohne Abaya herumlaufen und er ein ruhigeres Leben führen könne, als Yogalehrer. Er male auch. Im Gästezimmer sehe ich seine Bilder auf Staffeleien und an den Wänden. Porträts von Familie und Lehrern. Osho ist dabei, Gandhi und Buddha unterm Baum. Und was sind das für Medaillen? Sadananda sei Marathonläufer. In seiner Altersklasse fast immer der Beste. Soshi öffnet für mich die filigran geschnitzte Gittertür zum Puja-Raum, in dem eine kleine Lampe Statuen, Bilder und Opfergaben beleuchtet. Jeden Morgen bringe sie Ganesha, dem göttlichen Kind mit dem Elefantenkopf, frische Blumen aus dem Garten. In den Schlafzimmern liegen traditionell gemusterte Decken glatt über fast brettartig flachen Matratzen. Sind das denn alles Fakire hier? Ich wage nicht zu fragen. Bequemlichkeit wird offenbar anders empfunden als in westlichen Gefilden. Durch die Küche gelangen wir in den Garten, wo mächtige Bäume und Palmen schwarz in den Himmel ragen. Soshi hebt eine Kokosnuss vom Boden auf, dann eine Muskatnuss, die sie mir reicht. Wenn jemand Bauchweh habe, solle ich das Pulver der Nuss mit einem Löffel Honig vermischen, das vertreibe Koliken. Auch einen Strunk kleiner Bananen pflückt sie für mich ab. Ob ich damit in Deutschland durch den Zoll komme? Wenn ich überhaupt fliege am nächsten Tag! Dafür bräuchte ich meine Tasche, die im Auto meines verschwundenen Fahrers liegt. Und dessen Nummer in meinem toten Handy gespeichert ist. Wo bleibt eigentlich Sadananda? Sein Auto steht immer noch in der Einfahrt. Soshi fragt, ob ich Idli möge. Ich erinnere mich an den mildsäuerlichen Geschmack der handgroßen, rundlich gewölbten Reisküchlein, die im Ayurveda-Hotel zum Frühstück gereicht wurden, und schaue ihr dann in der Küche über die Schulter, wie sie Reismehl in eine Plastikschale siebt und mit Wasser befeuchtet. Sie setzt sich auf einen eisernen Hocker, der mit seiner scharfzackigen Vorrichtung wie ein mittelalterliches Folterinstrument aussieht. Es fällt mir schwer zuzuschauen, wie sie mit bloßen Händen die halbierte Kokosnuss rigoros immer wieder über die schwarzen Haifischzahnracken zieht, um das geraspelte Fleisch aufzufangen. Ich spüre ein schauriges Ziehen durch den Unterleib, wie es mich manchmal durchweht, wenn ich mitbekomme, dass sich jemand verletzt. Aber es geht alles gut. Und so, wie sie jetzt das Geriebene mit der Reispampe händisch vermengt, geht eine mütterliche Sicherheit von ihr aus. Später, als wir zwischen Umzugskartons im Zimmer der Tochter sitzen und frischen Wassermelonensaft trinken, stimmt Soshi auf einem bauchigen Saiteninstrument eine Melodie an. Zusammen mit den Geräuschen der Ventilatoren, die an flügelschlagende Schmetterlinge erinnern, lullt mich das langsam ein, zurückgelehnt auf dem gar nicht mal so harten Bett. Bis schließlich Sadananda zurückkommt – stark verschwitzt, denn er war nicht mit dem Auto ins nächste Dorf gefahren, sondern gerannt. Das Ladegerät funktioniert, endlich erscheint das ersehnte Logo auf dem Display. Mein Fahrer nimmt das Gespräch an. Angeblich stehe er noch immer an Ort und Stelle. Ich muss vom Tempel aus einen falschen Weg aus dem Wald genommen haben. „Ich solle ihn einladen“, ruft Soshi mir zu. Sie hat mittlerweile das Essen gerichtet. Zusammengedrückt in einem rotweißen Plastikbehälter sehen die weißen, seidig-glatten Idli aus wie auf Halde gelegte Brustimplantate; dazu gibt es frische und getrocknete Bananen. Wir sitzen zu viert am Tisch, ich auf dem Platz der Tochter, und essen mit den Händen, die wir uns zuvor im Esszimmer-Becken gewaschen hatten. Sadananda erzählt von Parvati, Göttin der Hingabe, Nahrung und Liebe. Sie wurde von Shiva in einen Pfau verwandelt, bevor sie ihm Ganesha gebar, den Entferner der Hindernisse. Mein Fahrer sitzt mir schüchtern gegenüber und lächelt über meine Versuche, Sanskritbegriffe korrekt auszusprechen; ich glaube, er ist in mich verliebt. Und wie es scheint, mögen Soshi und Sadananda ihn.

11. April 2024 – Upper West Side, New York

Hoffnung ist eine Disziplin: Mit Fotografieren die Menschen versöhnen

Ein Hundehügel im Central Park. Chica, mein Chihuahua, flitzt einem struppigen Terrier davon, der seinerseits von einem Golden Retriever gejagt wird. Die Besitzerin der beiden größeren Hunde, schlank und schwarz gekleidet, ruft mit französischem Akzent. Wir kommen ins Gespräch. Sie stammt aus Genf, kommt aber gerade aus Kenia. Dort gab sie in einem der riesigen Slums Foto-Workshops, bei denen sich Angehörige verfeindeter Stämme gegenseitig porträtiert haben. Eine Woche später treffe ich sie wieder im Park, just als eine Art Gandalf mit Lichterkette am Fahrrad ein Schild spazieren fährt: „Hope“ steht in großen Lettern darauf. Anerkennend hält ihm die Schweizerin den hochgestreckten Daumen entgegen. Sie kommt gerade aus Mexico City, wo sie Foto-Workshops in einem Frauengefängnis gegeben hat.

Ein halbes Jahr vergeht, bis wir uns wiederum begegnen. Ich bin gespannt, von welchem Foto-Workshop sie diesmal erzählt. Weit gefehlt, sie war Skilaufen. Wir gehen in dieselbe Richtung – ich zur Subway, sie nach Hause. In der 74th Street bleiben wir vor einem Eingang mit weißen Säulen stehen und stellen uns mit Namen vor. „Mittwoch Nachmittag kommen ein paar Friedenskämpferinnen zu mir“, sagt sie, von der ich jetzt weiß, dass sie Saskia heißt. „Es gibt Kuchen und Tee. Vielleicht mögen Sie auch kommen?“ Friedenskämpferinnen? Gerne! In informeller Runde werden zwei bemerkenswerte Gäste von ihrer Arbeit in der West Bank berichten, heißt es in der E-Mail. Darunter ein hebräischer und ein arabischer Name. R.S.V.P. Informelle Runde? Ein Fundraiser. Chica und ich kommen pünktlich. Auf dem Parkett im Flur döst der Golden Retriever. Als wir uns nähern, wedelt er mit dem Schwanz; es klingt wie ein auf Holz schlagender Besen. Die Wohnung entpuppt sich als Stadthaus mit samtenen Sitzgruppen, Gaskaminen und Gartenterrasse. Auf einem Monitor läuft eine Slideshow der Foto-Workshops. Ich orientiere mich zwischen Cupcakes, Earl Grey und Frauengrüppchen. Manche tragen Kippas – in New York scheint das kleine runde Stück Stoff am Hinterkopf nicht mehr nur den jüdischen Männern vorbehalten zu sein. Saskia erzählt, sie habe Rabbi Hanan Schlesinger vor zehn Jahren kennengelernt, auf einer Konferenz in Südafrika, auf der sie ihn zunächst mied. „Er war für mich ein rotes Tuch. Ein kleiner Siedler in Polyesterhosen, hohe Stimme, Zionist. Aber dann sagte mir jemand: Du musst diesen Mann kennenlernen, er ist unglaublich! Einen Monat später fuhr ich mit einem Koffer voller Kameras nach Judäa und Samaria, und wir entwickelten dieses Format, bei dem sich Siedlerfrauen und Palästinenserinnen gegenseitig fotografieren und darüber Empathie füreinander entwickeln.“ Kurz bin ich abgelenkt, weil Chica, vom Terrier beschnüffelt, in einem Nebenraum verschwindet. Meine Rufe ignorierend, wetzt sie die Treppe hoch. Oben führt die Jagd durch mehrere Zimmer, vorbei an polierten Antiquitäten, einer Chaiselongue voller Kameras, einem Mann, der sich vorm Spiegel den Schlips bindet. „Pleasure to meet you“, erwidert er trocken meine Entschuldigung; unter einem antiken Pfostenbett bekomme ich meinen Hund endlich zu fassen. Mit ihm im Arm wieder unten angelangt, treffen gerade die Hauptpersonen ein. Rabbi Hanan, eher zierlich, mit charismatischem Lachen; Noor A’wad, zwei Köpfe größer und wesentlich jünger, wirkt ruhig und ernst. Der Rabbi spricht zuerst über die unerträgliche Situation der Palästinenser im Westjordanland. Dann von seiner eigenen jahrelangen Blindheit als Siedler. Dem sengend heißen Tag vor zehn Jahren, an dem ihm vollkommen unvorbereitet – durch einen jüdischen Anhalter, den er mitnahm, und einen Palästinenser, an dem er vorbeifuhr – die Bigotterie seines Lebens klar wurde. Und wie tief ihn diese Erkenntnis erschütterte und er sich schwor, etwas zu ändern. Noor A’wad beginnt mit seinen Großeltern, die aus Bethlehem vertrieben wurden, den Eltern, die in jordanischen Flüchtlingscamps geboren wurden, und endet mit seiner Arbeit als Fremdenführer, bei der er Touristen von der Okkupation erzählen konnte. Das war seine Form von gewaltfreiem Widerstand. Noors Geschichte berührt, aber scheint viel weniger ungewöhnlich als die des umgekrempelten Siedlers. Der spricht nun davon, wie schwer es ist, zu akzeptieren, dass es für ein und dasselbe Land zwei Erzählungen gibt, zwei Wahrheiten, und wie wichtig, diese Widersprüche auszuhalten. Anderthalb Stunden lang erzählen beide im Wechsel ihre Geschichten, durchsetzt von historischen Fakten, politischen Einschüben, Zitaten aus Thora und Koran. Und den Erfolgen ihrer kleinen Hilfsorganisation „Roots“ – hebräisch Shorashim, arabisch Judur – die in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Siedler und Palästinenser an einem dafür errichteten, sicheren Ort zusammengebracht hat, nicht zuletzt durch gemeinsame Foto-Workshops. Als irgendwann Stille einkehrt, meldet sich Chica zu Wort, mit einem einzelnen froschartig quäkenden Beller. Gelächter folgt – und verebbt wieder. Gibt es Fragen? Jede Menge. Zum Beispiel, was sie erreicht hätten. „Auf der Mikroebene: unglaublich viel. Auf der Makroebene: gar nichts.“ Wie können wir helfen? Da gibt es eine Zwanzig-Punkte-Liste. Der Fundraising-Aspekt schwingt ohne Worte mit. Wären sie bereit, die Siedlungen zu räumen? Wie stehen sie zu Forderungen nach sofortigem Waffenstillstand in Gaza? Nicht jeder Frage folgt eine eindeutige Antwort. Beide Aktivisten wenden sich nun einzelnen Gästen zu. Aus der Entfernung sehe ich die Augen des Rabbis, seine intensiven, empathischen Blicke. Die Vorstellung, mit welcher Begeisterung er vor vielen Jahren Genesis 12 beim Wort nahm und ins Gelobte Land zog, fällt leicht. Letzten Monat habe er geweint, erzählt mir Saskia beim Abschied. „Er fühlt sich wie ein Ausgestoßener unter den Siedlern, selbst seine Familie versteht ihn nicht wirklich. Der 7. Oktober und jetzt der Krieg haben seine Arbeit um Jahre zurückgeworfen.“ „Verwundete Menschen verwunden Menschen!“, höre ich aus Richtung der Samtsofas die eindringliche Stimme des aus Brooklyn stammenden Siedlers. „Manchmal denke ich, wir sind alle verrückt, und das Einzige, das wir tun können, ist Trauma-Arbeit!“ Auf dem Monitor ist jetzt die Fotografie stehengeblieben, auf der eine jüdische Frau mit traditioneller Kopfbedeckung eine junge Muslimin fotografiert. Es ist Hanans Frau, erfahre ich, die Saskias viertägigem Lehrgang nur widerstrebend beiwohnte, weil ihr Mann sie dazu drängte. Am ersten Tag habe sie die gegenübersitzenden Palästinenserinnen nicht einmal anschauen können. „Wann findet dein nächster Foto-Workshop im Westjordanland statt?“ „Der für Mai ist abgesagt worden, aber im Herbst soll einer stattfinden. Hoffen wir mal.“ Hoffnung ist eine Disziplin, kein Gefühl, hatte Rabbi Hanan seine Rede geschlossen. Man müsse sich täglich neu dafür entscheiden. Ich entscheide mich für eine kleine monatliche Spende. Und für den Hundehügel. Dort fällt mir Gandalf wieder ein, mit seinem Schild „Hope“ über dem blinkenden Fahrrad – und Saskias hochgestreckter Daumen.

Hörprobe

07. März 2024 – Cincinnati, Ohio

Hier Whiskey, dort Bier: Ein stadtteil namens „Muth-r-Gahds“

Eigentlich wollte ich nur kurz von Cincinnati aus die alte Brücke hinter dem Bengals Stadium überqueren, um später sagen zu können, ich sei von Ohio nach Kentucky gelaufen – über die einst längste Hängebrücke der Welt, die derselbe deutsche Ingenieur konstruierte, der dann mit der Brooklyn Bridge in New York seinen eigenen Rekord brach. Aber drüben in Covington gefielen mir die niedrigen, an Edward Hopper erinnernden Straßenszenen, ich spazierte also im Nachmittagslicht vorbei an schiefen Telegraphenmasten, Bars und Tattooläden. Hinter einem Flachdach mit dem Leuchtschild „Agave & Rye“ ragten zwei zwiebelartige Kirchtürme in den Himmel und beschworen ein Bild des Allgäus herauf. Das noch nicht lange gentrifizierte Viertel ist auf Karten als Mutter Gottes verzeichnet – amerikanisch ausgesprochen „Muth-r-Gahds“, wie ich im Gespräch mit dem Doorman eines Boutiquehotels heraushörte.

Das Viertel, in dem stündlich scheppernde Glocken ein deutsches Volkslied anstimmten, erstreckt sich nur über wenige Straßen. Bald, nachdem sich mein Blick in den verstaubten Auslagen des Hardware-Stores Klingenbein verlor, wo zwischen Maßbändern und Kreissägen Schwarz-Weiß-Fotografien zum hundertjährigen Firmenjubiläum ausgestellt waren, geriet ich an einen Highway-Knoten. Auf dem dazugehörigen Schotterparkplatz arbeitete an einer Brandmauer eine junge Frau mit quietschbunten Farben an einem Wandgemälde: Hellblauer Himmel mit Schäfchenwolken und zwei naiv dargestellte, sich küssende Rehe, aus deren Ohren leuchtendgrüne Herzen schweben. Die Malerin hatte lila Haare und stand mit Minirock und klobigen Stiefeln auf einer Leiter. Den Riesenpinsel in der Hand stieg sie herab, um ihr Werk aus ein paar Metern Entfernung zu betrachten. Dabei kniff sie die Augen zusammen, wie ich es unwillkürlich tue, um ein großes Ganzes ohne Details besser beurteilen zu können. So kamen wir ins Gespräch. Sie fragte nach meinem Akzent und ob ich wegen des Kentucky-Bourbon-Trails hier sei, wie viele meiner Landsleute? Busse würden einen von Destillerie zu Destillerie fahren, übernachtet werde in den riesigen Häusern ehemaliger Plantagenbesitzer. Ich sagte, ich sei wegen eines Jobs in Cincinnati. „Cincinnati ist eine Bierstadt. In Kentucky geht es vor allem um Whiskey. Das wird sehr ernst genommen. Eric und ich haben unseren eigenen Bourbon-Room.“ „Eric?“ „Mein Mann.“ Sie reichte mir die Hand. „Ich bin Annie.“ Während ich Annie half, Farbeimer und Leiter zum Auto zu bringen, erfuhr ich, dass ihr Großvater Deutscher gewesen ist. Woher seine Familie stammte, wusste sie nicht. Er habe in den Schlachthöfen gearbeitet und das Haus gebaut, in dem er mit seiner Frau vier Kinder aufzog. Heute wohne sie mit Eric darin. „Wir haben es den gierigen Verwandten abgekauft. Es ist nicht groß, aber uns reicht es.“ Irgendwann war alles verstaut, die Geschichte vom deutschen Großvater um ein paar Anekdoten vertieft, und ich stand immer noch herum. Also fragte mich Annie, wo ich hinmüsse. „Kann ich Sie irgendwo absetzen?“ „Nun, da Sie mir so viel von Ihrem Großvater erzählt haben, und auch von dem Bourbon-Room ... könnten Sie mir nicht vielleicht Ihr Haus zeigen?“ Zum Ethnosound einer lokalen Indieband bogen wir in Annies tiefergelegtem Mazda auf den Highway, der uns westlich, noch in Sichtweite der alten Hängebrücke, über den Ohio River zurück nach Cincinnati führte. Mir entfuhr eine erstaunte Bemerkung darüber, wie unsichtbar manche Grenzen mit der Zeit werden. „Früher war es eine große Sache, von den Südstaaten in die Nordstaaten zu kommen“, stimmte Annie zu und erzählte vom Netzwerk „Underground Railroad“, das genau hier über hundert Jahre lang Zigtausende befreiter Sklaven von Kentucky aus weiter in den Norden brachte. Als Kind liebte sie die Geschichten von Menschen, die der Sklaverei entkamen. Ein Wandbild über die legendäre Fluchthelferin Harriet Tubman zu malen würde sie aber ablehnen, weil andere Künstlerinnen wegen ihrer Herkunft näher am Thema seien. Entspannt rollten wir durch einfache Wohnstraßen mit weitläufigen Gärten ganz ohne Zäune. Da und dort überragte ein uralter Baum mit seiner ausladenden Krone die Holzdächer der niedrigen Einfamilienhäuser. Das Haus von Annie und Eric: anderthalbstöckig, mit doppeltem Autoabstellplatz und lila gestrichener Eingangstür. Ein selbst gemaltes Schild bat darum, die Eintretenden mögen Liebe und Freude mitbringen. Ich brachte außerdem Neugier mit, als ich über die Schwelle trat und mitten in einer abenteuerlich kunstvoll beleuchteten Sofalandschaft stand, mit Petersburger Hängung auf der einen und einer wandfüllenden Fototapete mit Gebirgssee auf der anderen Seite. Das sei irgendein Nationalpark in Kanada, meinte Annie, den sie irgendwann einmal besuchen wolle. So wie auch Deutschland. „Wenn ich endlich dazu komme, meinen Pass zu beantragen. Der hat mir schon auf der Hochzeitsreise gefehlt. Eric und ich konnten die Niagarafälle nur von der amerikanischen Seite aus sehen, was weniger schön ist als von der kanadischen. Aber seit 9/11 kann man die Grenze ohne Pass nicht mehr passieren.“ Die Führung durchs Haus brachte mehr und mehr Geschichten aus der Familienhistorie zutage: Die rustikalen Kücheneinbauten stammten noch von der Großmutter, genauso wie der runde Eichentisch, den Annie allerdings so bunt bemalt hat wie die Tische, die man oft in mexikanischen Restaurants sieht. Gleich neben der Küche lag der Bourbon-Room. Ein kleines Zimmer, so hoch wie breit und dunkelblau gestrichen. Früher schliefen hier Annies Vater und seine drei Brüder in zwei Etagenbetten. Jetzt schien es gerade genug Platz zu geben für die Vitrinen mit den Whiskeyflaschen und zwei englische Ledersessel. Darüber hing gerahmt das Porträt eines zweifelnd dreinschauenden, krausgelockten Mannes. „Ist das Eric?“ „Das ist Cosmo Kramer, aus der Fernsehserie *Seinfeld*.“ „Ist Seinfeld eigentlich Deutscher?“ „Nein, er kommt aus Syrien.“ Wir zogen um ins Wohnzimmer, um B-Balls zu essen – selbst gerollte Kugeln aus Butter, Bourbon und Walnüssen. Annie verkauft sie auf dem Farmers Market, der einmal im Monat drüben in „Muth-r-Gahds“ stattfindet. Sie sprach es genauso aus wie der Doorman des Hotels. Und genau dort ließ ich mich später am Abend mit dem Taxi absetzen, um dann doch noch, wie ich es mir vorgenommen hatte, über die einst längste Hängebrücke der Welt zu meinem Hotel am Bengals Stadium zurückzulaufen. Dabei freute ich mich darauf, in Cincinnati ein Bier zu trinken.

12. Oktober 2023 – Rom

Krawatten und die Fraktaltheorie: Gerettet von einer Kostümschneiderin

An einem bewölkten Spätsommertag östlich des Bahnhofs in Rom. Nach längerem Mäandern durch das von Touristen unbehelligte San-Lorenzo-Viertel steige ich in die fast menschenleere Straßenbahn mit der Nummer 5 und fahre in irgendeine Richtung, entschlossen, demnächst irgendwo auszusteigen und weiterzulaufen. Unterwegs erstrahlen alte Gebäudefassaden wie von einem plötzlich angeknipsten Riesenscheinwerfer angeleuchtet. Dass jetzt die Sonne herauskommt, verdüstert meine Laune; es erinnert mich daran, dass ich am Vortag meinen neuen Panamahut am Flughafen verloren habe. Um dieser Unachtsamkeit eine Aktion entgegenzusetzen, steige ich besonders schwungvoll an der nächsten Haltestelle aus. Dabei verfängt sich mein bauschiger Tüllrock in einem Kinderwagen, den zwei verschleierte Frauen in den Straßenbahnwaggon wuchten. Ich befreie mich, bevor die Bahn wieder anfährt, aber die feine Kordel am Saum der Rüsche hängt traurig herab.

Selbst schuld, tagsüber den Rock zu tragen, in dem ich abends ins Konzert gehen will. Und peinlich, bei dem Malheur beobachtet zu werden – von einem gut gekleideten Herrn, der mit Zeitung und Zigarette vor einem kleinen Café sitzt. „Können Sie mir einen Schneider empfehlen?“ Nach kurzem Blick auf die verletzte Rüsche lautet die Antwort, da sei wohl eher Kunststopferei vonnöten. „Vielleicht weiß Emilia jemanden.“ Die hinzugerufene Kellnerin überlegt. „Vielleicht könnte Mara das machen.“ Eine langhaarige Frau mit Krawatte, die gerade am Tresen einen Cappuccino trinkt, wird herbeigerufen und begutachtet mein Problem. „Geben Sie mir den Rock mit“, schlägt Mara vor. „Ich wohne in der Nähe und bringe ihn in einer halben Stunde repariert zurück.“ „Könnte ich Sie begleiten? Ich habe nichts anderes anzuziehen dabei.“ Mara zögert; sie sei spät nachts aus Dalmatien gekommen, es herrsche Durcheinander in der Wohnung. Ich versichere, die Unordnung anderer Menschen inspirierend zu finden. Zur Bekräftigung zeige ich auf meinem Laptop Fotos des zirkuswaggonartig vollgestopften Zimmers, über das ich vor Jahren einmal geschrieben habe. „So sieht es bei mir aus!“, ruft Mara. „Schreiben Sie über Chaos?“, fragt der Gast mit der Zeitung. „Mein Hobby ist die Fraktaltheorie.“ Wir überqueren die Piazza Vittorio Emanuele und biegen rechts in die Via Conte Verde. Unterwegs stelle ich mich vor, und sie fragt, ob ich die Geschichte von Mara und Naomi aus der Bibel kenne. „Nein, nur die von Ruth und Naomi?“ Mara tippt etwas in ihr Telefon. „Ruth 1, Vers 20: Nenn mich nicht Naomi, nenn mich Mara!“, lese ich auf dem Display, „denn nach dem Tod meiner Söhne bin ich bitter und traurig.“ „Naomi ist sonnig, fröhlich – Mara ist die Traurige, Bittere.“ „Komisch, Sie wirken gar nicht traurig oder bitter auf mich.“ „An einer Ausgrabungsstätte in Jordanien erklärte mir ein Forscher, Mara habe denselben Wortstamm wie Myrrhe. Auch Myrrhe ist bitter.“ „Mürrisch“, überlege ich, während wir strammen Schrittes vor laut abbremsenden Autos die Straße überqueren, „das passt heute eher zu mir! Erst verliere ich meinen Hut, dann zerreißt mein Rock …“ „Alles passiert aus einem Grund.“ „In meinem Fall wohl aus dem der Unachtsamkeit.“ „Das wird die Zeit entscheiden.“ „Sind Sie Archäologin?“ „Ich bin Kostümschneiderin, aber mich interessiert Geschichte. Wir gehen übrigens gerade durch einen historisch wichtigen Teil Roms. Die Gebäude sind alle umbertinisch. Aus der Zeit des Risorgimentos, als die verschiedenen Reiche zu dem Nationalstaat vereinigt wurden, den wir heute Italien nennen. Ordnung im Durcheinander.“ In der Wohnung empfängt uns eine bis in den letzten Winkel unfreiwillig ästhetisch komponierte Unordnung, die mich an das Innere eines Koffers erinnert. Mein Auge springt von drapierten Stoffen und wächsernen Frauentorsi über alte Stiche, antike Teeschalen zu Nähmaschinen vor erotischen Fotografien, einem Cellokasten mit Schleife. Handtaschen liegen zerstreut auf dem rosaroten Teppich, und von der Decke hängt Selbstgeknüpftes, glitzernd oder aus Federn. Das Sammelsurium in Regalen, an Wänden, auf Tischen sieht nicht so aus, als sei es über Nacht entstanden. Vielmehr erzählt es von der Liebhaberei für Skurriles, von jahrelangen Flohmarktbesuchen, der Arbeit mit Theaterrequisiten. Nicht nur aus dem geöffneten Kleiderschrank quellen Unmengen von Krawatten – zu Dutzenden hängen sie an Bügeln, Wäscheklammern, Fenstergriffen. Krawatten als Traumfänger und Vorhangkordeln. Übermalte Krawattencollagen an der Wand, und neben einem der überall wachsenden Bücherstapel ein ganzer Krawattenturm. „Ich liebe Krawatten. Ich benutze sie oft.“ Durch das geöffnete Fenster dringt Mopedknattern von der Straße herauf. „Krawatten sollen ja auf die Kroaten zurückgehen“, murmele ich etwas neunmalklug. „À la Cravat“, bestätigt Mara und sucht in einem Körbchen nach Nadel und Faden. „Auf kroatische Art. So hieß es bei den Franzosen, als sie die geknoteten Halsbänder kroatischer Soldaten in ihre Mode aufnahmen.“ „Vielleicht ist Etymologie eine Art Archäologie?“, frage ich und ziehe meinen Rock aus. Mara setzt sich mit dem braunen Tüllbausch auf ihr Bett und beginnt mit der Hand zu nähen. Es sind ruhige, altmodische Bewegungen, die ihr Arm in weichen Diagonalen vom Schoß fort und wieder zurück beschreibt. Es habe sie Überwindung gekostet, mir ihre Wohnung zu zeigen, denn in Wirklichkeit sei sie akkurat und präzise. „Jetzt, wo Sie da sind, schauen Sie sich gern um.“ Etwas verhalten wandele ich durch die beiden Zimmer, betrachte Kronleuchter, Notenständer, ungemachte Betten. Lichterketten über selbstgekneteten Venus-von-Millendorf-Variationen. Unter dem Regal voller Sanduhren und Parfümflacons sehe ich zwei nackte Beine, die mir bekannt vorkommen. Ich stehe vor einem niedrig platzierten Spiegel. Die Küche ist aufgeräumt, mit rustikalen Holzeinbauten, Fritteuse und gardinenverschleiertem Ausblick in einen römischen Innenhof. Hier sitze ich am Tisch und notiere meine Eindrücke, bis Mara mit dem reparierten Tüllrock kommt. Das ging mir fast zu schnell. Lieber würde ich hier weiter über Krawattenknoten knobeln. Aber Mara muss zum Supermarkt. Nach der Reise seien Kühlschrank und Magen leer. Ich begleite sie ein Stück die Via Cairoli hinunter. Zum Abschied umarmen wir uns. Nur eine Frage habe ich noch: „Wissen Sie, wo ich einen Hut herbekommen könnte?“ „Natürlich. Antica Cappelleria dell’Urbe.“ Sie weist mir die Richtung, über die Piazza Dante. Mittlerweile hat es sich wieder zugezogen. Der graue Himmel passt zum Blätterrauschen der Platanen. Vielleicht werde ich wieder eine Straßenbahn nehmen.

31. August 2023 – New York

Was ist Schlussstrichmentalität?: Wer hier eincheckt, kommt nie wieder weg

„Nature abhors a vacuum.“ Der Satz begleitet mich wie ein Mantra. Weil ich nicht weiß, dass „to abhor“ verabscheuen heißt, übersetze ich ihn: Die Natur mag kein Vakuum. Der Ohrwurm wird Programm. Anstatt nach einem langen Tag heimzugehen, wo eine unangenehme Leere entstehen könnte, erinnere ich mich an die Einladung eines jungen Künstlers, mit dem ich in Chinatown über postgestische Malerei und gezwirbelte Schnauzbärte sprach, und bitte den Taxifahrer, mich am Gramercy Park rauszulassen, beim National Arts Club, einer traditionsreichen Altherreneinrichtung. Das Taxi hält im Abenddunst weichgezeichneter viktorianischer Townhouses. Hinter den Erkerfenstern des Gebäudes, einst Stadtresidenz des Begründers der New York Public Library, lässt Lampenschein zwischen leicht zerschlissenen Brokatvorhängen behagliche kultivierte Atmosphäre erahnen.

Auf das Codewort „Flower-Punk“ weist mir der Doorman den Weg zur Garderobe. Ein Butler führt mich durch vertäfelte Kaminräume mit gestreiften Seidentapeten und stoßgesessenen Polstermöbeln. Vorbei an Musikinstrumenten, Büchervitrinen und einer kleinen Bar mit lederbezogenen Hockern und einem Gläser polierenden Keeper. Unter unseren Schritten knarrt Parkett. Prächtige, kassettierte Decken und eine reich verzierte grüne Glaskuppel ziehen über uns vorbei. Im Diningroom statt Musik gedämpftes Gemurmel, an den Wänden willkürlich gehängte Frauenporträts vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Einzelne Gäste, ergraut und in Tweed, schauen kurz auf, weit am äußersten Ende des Saals, auf senfgelbem Teppich, eine lange Tafel, mit sieben Personen nicht ganz zur Hälfte besetzt. Mein Bekannter aus Chinatown trägt Basecap und ist ins Gespräch vertieft. Ich muss nah herantreten, um von ihm bemerkt zu werden und der Peinlichkeit, wie bestellt und nicht abgeholt herumzustehen, ein Ende zu bereiten. „Schön, dass Du da bist.“ Zwei angedeutete Küsschen, eine kurze Vorstellungsrunde. Jede Menge Namen, die mir sofort wieder entfallen. Einer bleibt hängen, weil es der einer Whiskydynastie ist, ein anderes klingt nach Museumsdirektorin. Ich setze mich an den freien Platz am unteren Ende des Tisches, ohne direktes Gegenüber. Lächelnd lausche ich dem Gespräch zwischen einer schottischen Multimediakünstlerin mit schwerer Goldkette und der eloquenten, offensichtlich in kunstwissenschaftlichen Diskursen beheimateten deutschen Schnellsprecherin, die zwischendurch mehrfach in Lachsalven ausbricht. Thema ist die missglückte Naziaufarbeitung kunstsammelnder Industrieerben und der Versuch, Schlussstrichmentalität ins Englische zu übersetzen. Außerdem die Fünfzig Linzertorten, die die Schottin für die Gestaltung einer Kuchenschachtel in limitierter Auflage erhalten hat. Einer dieser frisch eingetroffenen Kuchen wird wenig später serviert. Der nussige Duft steigt mir lockend in die Nase, lange bevor der Startschuss fällt. Eine langhaarige junge Frau in Bomberjacke erscheint und wird überschwänglich begrüßt. Sie setzt sich neben mich. Da ich mich gefühlt unrechtmäßig näher am Geschehen sitze als sie, biete ich ihr an, den Platz zu tauschen. Sie versichert, es sei alles in Ordnung. Sofort bin ich für meine nachdenklich wirkende Sitznachbarin eingenommen. Sie ist ungeschminkt, und ich frage mich zunächst, ob ihr die eigene Schönheit bewusst ist. Mit der Zeit allerdings ahne ich, dass ihr nerdiger Look mit dem eckig-randlosen Brillengestell und den minimalen, auf den Unterarm tätowierten Chiffren Ultracoolness bedeutet. Im Laufe des Gesprächs erinnere ich mich, durch welche Modekampagne mir ihr Gesicht bekannt ist. Auch muss ich sie vor einigen Jahren im deutschen Pavillon in Venedig gesehen haben, als sie und andere Akteure auf allen vieren unter einem Glasboden auftraten wie apathische Hunde zu elektronischer Musik, die sie mitkomponiert hatte. Jetzt versucht sie, sich freundlich schweigend aus den Gesprächsfetzen der anderen etwas zusammenzureimen. Genau wie ich. Dann kommen wir ins Gespräch. Über Formen von Horror Vacui, die sich in ausladenden viktorianischen Interieurs genauso zeigen wie in der Rastlosigkeit nach dem Ende einer Liebesbeziehung. Und wir reden über Zendo, ein Meditationszentrum in Tribeca, in dem man nach Gonglauten drei Stunden lang gemeinsam schweigt. Gegen Mitternacht wird dem Maler die Rechnung vorgelegt, die er trotz des Protests der Anwesenden übernimmt. Weil nur er Mitglied im Club sei, sei auch nur er berechtigt, zu bezahlen. „Dein Geld ist hier nichts wert, Fremder!“ „Ich kann hier gar nicht weg“, erklärt er seufzend. „Ich wohne hier.“ „Hier im Club? Wo? Hinter der Theke?“ Wir erfahren von den Atelierwohnungen in den oberen Stockwerken. Heiß begehrt und unkündbar. Wann immer eine frei wird, meist durch das Ableben des Mieters, können sich Mitglieder per Lotterie um den Mietvertrag auf Lebenszeit bewerben. Der Postexpressionist hatte sich im ersten Pandemiejahr beworben, da gab es kaum Anfragen – das war sein Vorteil. Einmal drin, hat er nicht vor, jemals wieder auszuziehen. Jedenfalls nicht, solange er sich die Miete von sechstausend Dollar leisten kann. „Können wir deine Wohnung mal sehen?“, frage ich. Er zögert, sagt dann aber: „Yes.“ Unter dem Gewicht von acht leicht angeheiterten Personen fährt der vergitterte Lift ächzend in die zehnte Etage. Meine androgyne Tischdame überragt alle und lächelt zurückhaltend. Zur schwarzen Streetwear trägt sie Lackschuhe, keine richtigen Stiefel, eher so etwas wie eine Mischung aus Stealth Fighter und den Zaubersandalen des kleinen Muck. Wir betreten den doppelstöckigen Raum ehrfürchtig wie eine Kathedrale. Alles ist weiß gestrichen. Kein Bild an der Wand. Gemalt wird hier nicht, eher musiziert und gewohnt. Das riesige, von Eisenrahmen in unzählige Glasflächen aufgeteilte Fenster gibt den Blick auf ein New Yorker Dächer-Idyll samt den Lichtern der Großstadt frei. Die Stadt, die niemals schläft? Was schon lange nicht mehr stimmt, erhält plötzlich neuen Aufschwung: Die Kunsttheoretikerin schnappt sich lachend eine stahlblaue Gibson und dreht den Noise-Regler auf. Der Gastgeber verteilt Tequila und stellt die Linzertorte auf den Nachbau eines ägyptischen Pharaonenthrones. Die bislang stummen Zwillinge ziehen weiße Aikidoanzüge an und bringen sich ästhetisch choreographiert abwechselnd zu Fall, als zelebrierten sie das Wechselspiel von Leere und Fülle. Die schöne Riesin reicht mir ihre Hand und führt mich zu der Stiege, die auf eine Galerie hinaufführt. Dort nehmen wir nebeneinander Platz. Wir atmen flacher. Sitzen einfach und lassen Geräusche von unten an uns vorbeiziehen. Eintreten in das hinter allem liegende Vakuum? Für einen Moment jedenfalls meine ich, es zu spüren. Und dann ist auch er wieder da, dieser Satz: Nature abhors a vacuum.

20. Juli 2023 – Mailand

Im Bett mit einem Leoparden: Oder wenigstens fast. Katzen auf Schritt und Tritt

Als ich am Bahnhof Milano Centrale ins Taxi steige, habe ich den Eindruck, diese Stadt bestehe vor allem aus Stein. Viel Grau, kaum Bäume, nirgendwo Grün, außer mal das sich aufbauschende Kleid einer eleganten Dame am Zebrastreifen. Aber schön, dass immer noch die Straßenbahnen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren unterwegs sind. Und seltsam, dass ich dann, im Auto hinter einer stehenden Tram wartend, eine orangefarbene Katze aussteigen sehe. Elegant springt sie vom hinteren Abteil aus auf das Trottoir, bleibt kurz stehen, blickt zum Taxifahrer und mir. Und geht weiter.

„Haben Sie die Katze gesehen?“ Über sein selbstverständliches Ja bin ich fast noch verdutzter als über das Tier. Zwei Straßen hinter dem Dom halten wir vor einem vierstöckigen Haus aus dem Cinquecento. Die verwitterte graue Fassade gibt keinerlei Hinweis auf die Pension, in der ich ein Zimmer gebucht habe. Da ist nur das Schild „Architetto“ und eine Tafel, dass der Chirurg Giovanni Battista Monteggia bis zu seinem Tode 1815 hier gelebt habe. Wie vermutlich bei etlichen Gebäuden ist nichts zu ahnen vom großzügigen und verschachtelten, prächtigen Inneren mit seinen dunklen Renaissancedeckenbalken, exquisiter Kunst und stilsicher eklektischen Einrichtungen aus mehreren Jahrhunderten. Aber erst einmal stehe ich in einer Art Fünfzigerjahre-Wohnzimmer, einem mit Grünpflanzen, Perserteppichen und skandinavischem Mid-Modern-Walnussmöbeln eingerichteten Salon. Ein vollkommen korrekt gekleideter Filipino, allerdings in Socken, lässt mich schweigend ein, fragt nach meinem Namen, ohne den seinen zu nennen. „Camera 5“, nickt er dann. Es dauert einen Moment, mich daran zu erinnern, dass die Italiener dasselbe Wort für Fotoapparat und Zimmer benutzen. Ich folge den leisen Sohlen des Angestellten eine moderne Treppe hinauf, in die erste Etage, an rotlackierten Schiebetüren, handgeschnitzten antiken Truhen und einem Bärenfell vorbei. Als er das Zimmer aufschließt, huscht die orangefarbene Katze hinter ihm hervor und verschwindet sofort über den Terrazzoboden in Richtung Badezimmer. „Il gatto di la tranvia“, entfährt es mir, „die Straßenbahnkatze.“ „Was für eine Katze?“, fragt der Filipino. „Die Signora mag keine Katzen.“ Rasch schaue ich ins Bad. Da ist keine Katze. Nur ein in altmodisches Papier verpacktes Stück Seife auf dem Wannenrand. Die Katze war da. Die aus der Straßenbahn. Am Abend sitzt die Signora an dem kleinen, als Rezeption genutzten Biedermeiertisch und reicht mir die Hand. Sie hat lange dunkelbraune Haare, ist ungefähr in meinem Alter und spricht überraschend gut Deutsch. Da ich nicht gleich auf die Katze zu sprechen kommen will, mache ich ihr zunächst ein Kompliment für die stilsicheren Umbauten dieses historischen Juwels. „Ich bin Architektin, das hilft“, sagt sie sichtlich erfreut. Ich füge hinzu, wie gut ich in dem Art-déco-Bett mit den hohen Metallstäben geschlafen habe, und erfahre, dass sie es bei einer Auktion ersteigert hat. „Es ist exakt das gleiche Bett, wie es Luchino Visconti besessen hat. Seines wurde später für ein Vielfaches verkauft.“ „Visconti, ‚Il Gattopardo‘?“ Der Leopard, bestätigt die Signora. „Deutsches Untertitel: Das Fell der Katze“, denke ich grimmig. Und komme lieber auf das Bärenfell zu sprechen. „Das war das letzte Geschenk meines Vaters“, sagt sie mit wehmütigem Lächeln. „Er war auch Architekt. Ein großzügiger Mann, der schöne Dinge liebte. Er liebte aber auch die Deutschen. Deutsche Kunst und deutsche Erziehung. Deshalb war ich seit meinem vierten Lebensjahr auf der Deutschen Schule Mailand.“ „Was gefiel Ihrem Vater an der deutschen Erziehung?“ „Ich glaube, die Präzision. Er war selbst als Kind auf eine deutsche Schule gegangen. Im Krieg, als meine Großeltern Juden versteckten, war er dann in der Lage zu übersetzen.“ „Hier, in diesem Haus?“ „Nein, das kaufte er erst in den Siebzigerjahren, als sich die Kirche von Immobilien trennte und er ein bisschen Geld hatte. Er baute es komplett um, ließ alle übermauerten Säulen und die hinter Gipskarton versteckten Fresken freilegen. Schauen Sie.“ Durch einen von schwerem Brokat verhängten Durchgang treten wir in den Innenhof, von dort geht es ins hohe Treppenhaus des Seitenflügels. Die Größe der Marmorsäulen verwundert mich. Sie lassen die ursprüngliche Höhe der Räume erkennen. „Hohe Erdgeschosse waren nicht ungewöhnlich, um vor Hochwasser zu schützen. Die Gegend war sumpfig, wenn auch voller Kanäle. Noch heute erinnern die Straßennamen an Wasser.“ „Da!“, stammle ich, doch die Signora lässt sich nicht unterbrechen. „Sumpfstraße und Kleiner Seeweg. Via Pantano, Via Laghetto. Aber eine gute Gegend war es schon immer. Die meisten unserer Nachbarn waren Priester. Heute sind es alte Priester.“ Endlich wage ich, die Katze anzusprechen. „Ach, wissen Sie! In Mailand gibt es unzählige Katzen, da kann so etwas passieren. Mir fallen sie kaum noch auf.“ Als sie die Treppe vorangeht, um mir die oberen Geschosse zu zeigen, kreuzt lautlos die orangefarbene Katze zwischen Säule und Hof. „Manchmal berichteten Gäste von ihnen. Mal sind sie orange, mal blau, mal grau. Seien Sie froh, dass es keine weiße war! Seit so eine nach dem Aperitif ihren Weg kreuzte, bricht sich meine Mutter alle sechs Monate ein Bein.“ Kein Anzeichen von Schalk oder Verwirrung in dem Gesicht der Signora. „Oberschenkelfraktur“, fährt sie fort. „Dann ist sie entweder im Krankenhaus, oder ich kümmere mich um sie. Unsere Wohnungen sind über den Gästezimmern und miteinander verbunden, sodass es wie eine große Wohnung ist. Das muss aber auch so sein, schon wegen der Katzen, die immer zwischen dem zweiten und dritten Stock hin und her gehen.“ „Also doch Katzen?“ „Wie bitte?“ „Ach, nichts.“ Am nächsten Morgen frühstücke ich im Esszimmer Weißbrot mit sizilianischer Mandarinenmarmelade zu starkem Kaffee und einem winzigen Glas Orangensaft. Dabei lese ich im Internet über die Monteggia-Fraktur, einen Kombinationsbruch des Unterarms mit ausgerenktem Speichenkopf, der erstmals von dem berühmten Hausbewohner beschrieben wurde. An dem zierlichen Schreibtisch in der Rezeption sitzt jetzt wieder der Filipino. Ich händige ihm meinen Zimmerschlüssel aus und bitte um die Rechnung. „Alles bereits bezahlt.“ Ich sehe, wie er unter dem Tisch die orangefarbene Katze streichelt. „Wie kann das sein?“ „Internet, alles bezahlt.“ Ich will auf die Katze deuten. Aber da ist keine mehr.